Montag, 17. April 2017

Das Schimpftier





Gekürzte Fassung in NZZ 13.4.2017


Von der Vershittung und Verfuckung der Sprache


Das Heiliger-Fick-Scheiss-Nigger-Prinzip
Womöglich wird ein Baby schon bald als erstes Wort „shit“ oder „fuck“ von sich geben. DieVershittung und Verfuckung der Sprache ist endemisch. Erleben wir eine Zeit, in welcher der Unterleib zurückschlägt; einen Backlash des Obszönen, nachdem der Neo-Puritanismus einer prüden politischen Korrektheit uns das Lästermaul zu verbieten suchte? Dabei ist das Phänomen der Lalochezie - des “Wörterscheissens“ als emotionalem Ventil  -  durchaus bekannt (lalia: „Rede“; khézō: „defäkieren“).

Aufschlussreich ist schon die Etymologie. Man führt „obszön“ auf „caenum“ (Dreck) zurück, dann aber auch auf „scaena“ (Bühne): Dreck auf der Bühne, Widerwärtiges in der Öffentlichkeit, explizit Dargestelltes also („explicit“ ist im Englischen ein Wort für Pornographie). Grob gesehen kann man vier Gravitationszentren des Obszönen unterscheiden: das Heilige, den Körper, die Reinheit und den Stamm. Daraus leiten sich die Beschimpfungsvarianten ab: Entheiligen, Sexualisieren, Beschmutzen und Verunglimpfen. Der amerikanische Kognitionswissenschafter Benjamin K. Bergen, der gerade ein Buch mit dem aparten Titel „What the F“ veröffentlicht hat, nennt dieses Kategorisierungsschema unzimperlich das „Holy-Fuck-Shit-Nigger-Principle“.[1]

Entheiligen
Das Holy-Prinzip ist auch bekannt als Profanierung. Profan bedeutet ursprünglich „vor dem heiligen Ort“: ausserhalb des Sakralen. Entzieht man also ein geweihtes Wort diesem Schutzbereich, ist das so, als würde man ihn betreten und entweihen. Das Holy-Prinzip funktioniert natürlich nur in religiös geprägten Gesellschaften mit ihren Tabus. Man braucht nicht gleich an den Islam zu denken. Das europäische Mittelalter stand ganz im Zeichen des Heiligen und kaum etwas war schlimmer, als wenn man „Bei Gott“ fluchte. Ganz schlimm: „Bei den Nägeln Gottes!“ Man enthüllte nicht nur Christus’ Körper im Himmel, man fügte ihm auch Schmerzen zu, als risse man seine Nägel aus. „Tear me no more/My wounds are sore/ Leave swearing therefore,“ mahnt ein Gedicht aus dem Jahre 1509 den Fluchenden.


Sexualisieren
Das Obszöne wandelt sich mit der Zeit und dem soziokulturellem Kontext. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts tabuisiert man in Europa nicht den Körper Gottes, sondern jenen des Menschen. An die Stelle der Profanierung treten das Fuck- und das Shit-Prinzip. Darin  spiegelt sich zunächst einmal das ambivalente Faszinosum des Sexuellen: verboten und begehrt, unrein und verehrt, sittsam verhüllt und unsittlich enthüllt – das allgemeine Merkmal tabuisierter Dinge. Schon im alten Rom – nicht gerade bekannt als Ort des Züchtigen – galt die explizite Nennung von Genitalien und entsprechenden sexuellen Akten als schlimme Obszönität. Das obszöne Wort ist „nackt“ - „nuda verba“ - , als ob mit ihm auch die bezeichneten Schamteile sichtbar würden. Das dürfte die Verbreitung des einschlägigen Wortschatzes nur befördert haben. Was „fuck“ heute, war damals „futuo“.

Beschmutzen
Das Shit-Prinzip zieht uns in den Dreck. Dreckwörter atmen den Geruch des Körperlichen, seiner Ausscheidungen, Ausflüsse, Ausdünstungen. Aber eigentlich ist Dreck im übertragenen Sinn gemeint. Reinheit, so schrieb die britische Anthropologin Mary Douglas, ist nicht primär eine Kategorie der Hygiene, sondern des kulturellen Schutzes. Mit Schmutz verbindet schon der Primitive das, was eine Ordnung gefährdet oder was nicht eindeutig ist. Wer sich zweideutig ausdrückt, hat nicht nur einen schmutzigen Mund, sondern womöglich schmutzige, subversive Absichten. Katholische Priester wurden im protestantischen England des 16. Jahrhunderts der zweideutigen Rede verdächtigt, verfolgt und sogar hingerichtet.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Dreck, so sagt man, ist Materie am falschen Ort. Bewirft man jemanden mit Dreckwörtern, signalisiert man zugleich immer auch, dass er am falschen Ort steht, und zwar aus den diversesten Gründen: ethnische Zugehörigkeit, Religion, Hautfarbe, Nationalität, Alter, politische Gesinnung, Gender, wirtschaftlicher Status, physisches oder intellektuelles Vermögen, und was auch immer. Und hier wird es mulmig.

Verunglimpfen
Das Nigger-Prinzip ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, seit sie in Stämmen den Planeten bevölkert. Mit dem Stamm kommt die Stammeszugehörigkeit, und mit ihr das Beschimpfen des Anderen als Nichtzugehörigen. Einen ersten Höhepunkt der Arroganz fand das Nigger-Prinzip im klassischen antiken Schimpfwort „Barbar“: jener, der nicht die griechische Sprache spricht. Auch hier erkennen wir das Merkmal des Schmutzes, des Fehl-am-Platz-seins. Der Nigger gehört nicht zu uns. Zur Stigmatisierung eignen sich nicht nur rassische Eigenheiten – Schlitzauge, Kanake, Kaffer, Kike (amerikanisch für Jude) -, sondern generell kulturelle Andersartigkeiten wie Esssitten – Tacofresser, Makkaroni, Maiser, Kraut -; soziale Herkunft – Prolo, Fremdarbeiter, Redneck, Cotton Picker -; Randgruppen und Minderheiten – Hartzer, Grufti, Junkie, Penner – ; mentale Defizienz - Mongo, Spasti, Sperg, Tard (englisch, Abkürzung für „asperger“ und „retarded“). Der Stigmakatalog liesse sich bis zum Brechreiz erweitern.

Es geht immer um das gleiche: Grenzen ziehen und ausgrenzen. Grenzenlos ist dagegen die Phantasie, mit der diesem Prinzip gefrönt wird. Das zeigt sich gerade heute, in den kulturell zersplitterten Gesellschaften. Es gibt ja immer mehr „andere“. Und je mehr „andere“ es gibt, desto mehr Kreativität muss in das Abstecken des eigenen Habitats investiert werden. Das Schimpfwort erhält seine Funktion als Waffe im kulturkämpferischen Hauen und Stechen.

Das Kapitän-Haddock-Prinzip
Dennoch: Schimpfen ist gut und gibt eine gute Laune. Psychologen sprechen von der kathartischen und stressabbauenden Wirkung. Jeder hat auch sein Privatvokabular an Invektiven, wie etwa die entsicherte cholerische Granate Kapitän Haddock. Hier eine kleine Auswahl: Vegetarier, Technokrat, Bahnhofspenner, Karnikel, Sandfloh, Rollschwanz­affe, Knastologe, Höllendackel, Pantoffeltierchen, Mückenhirn in Aspik, gummibeiniger Satansbraten.[2]

Soviele Zungen, soviele Flüche. Die meisten von uns tragen wohl die biografische Erbschaft ungoutierter Erfahrungen oder Bekanntschaften mit sich herum, die sich sehr gut als Reservoir für idiosynkratisches Lästern eignet. Ohne hier nun ganze Berufsgruppen in Harnisch bringen zu wollen, erlaube ich mir en passant ein kleines Comingout: Mein privater Schimpfwortschatz umfasst unter anderem „Sekundarlehrer“ und „Betriebsökonom“; nicht besonders originell, ich weiss, aber bei Gelegenheit ganz passend und Erleichterung verschaffend. Grundprinzip: Man reisst das Wort aus seinem Normalgebrauch. Als Ausruf verwendet -  „Du Sekundarlehrer, du!“ – kann es irritieren, ohne dass der Angesprochene eigentlich genau weiss, was gemeint ist und wie ihm geschieht – und ich selber ventiliere meinen psychischen Dampfdruck und habe erst noch Huere-Spass dabei.

Von „Nigger“ zu „Nigga“
Umgekehrt funktioniert das Prinzip auch: Man verschafft dem Schimpfwort einen neuen Normalgebrauch, man nimmt es in eigenen Besitz. Schwule nennen sich Schwule und „entschimpfen“ dadurch das Wort; desgleichen die Lesben, englisch „dykes“. Als „Dykes on bikes“ bezeichnen sich Motorradfahrerinnen in den USA jetzt stolz und genderbewusst. Oder Rapper nennen sich „Nigga“. Wie der verstorbene Tupac Shakur, eine Galionsfigur der Rapper-Szene, erklärte: „Nigger waren die, die am Seil von den Bäumen hingen; Nigga sind jene, die goldene Seile am Hals tragen und in den Clubs herumhängen.“ „Nigga“ hat es sogar schon zum Pronomen-Status geschafft: „A nigga proud of myself“ bedeutet „Ich bin stolz auf mich“. Das kann allerdings nur ein Nigga sagen.

Die neue Schmäh-und-Hassrede
Im Schimpfen sagen wir das Unsagbare. Wichtig ist ein gewisser kreativer Imperativ. Heute stellen Sprachforscher – „Malediktologen“ - wie Roland Ris oder Reinhold Aman eine Verarmung fest. Ein Schimpfwort bezieht den Punch aus seiner Tabuisierung. Enttabuisieren wir es, leidet es an invektivem Muskelschwund. So auch die Wörter aus der Fuck-und-Shit-Kategorie.

Das hat eine unliebsame, ja gefährliche Konsequenz. Moderne Gesellschaften bauen auf das „Tabu“ der Unantastbarkeit der Person, des Respekts vor dem Anderen (Immanuel Kant sah sogar etwas säkular Heiliges darin). Das neue Schimpfen bricht mit diesem Tabu. Gegenwärtige Schmäh-und-Hassrede bezieht ihre Energie grösstenteils aus der offensiven Verunglimpfung des Andersartigen. Wenn es früher hiess „On est toujours le juif de quelqu’un“, so wird jetzt Finde-deinen-Nigger nachgerade zum Gesellschaftspiel. Nigger: das können auch Behinderte sein, Alte, Marginalisierte, Verlierer, Migranten, Fans der gegnerischen Mannschaft. Das Nigger-Prinzip eignet sich vorzüglich als verbale Vorschule zu physischer Gewalt. Es sitzt urhirntief in unseren Schädeln. Und mit Verboten entzieht man ihm nicht den Boden, sondern ebnet ihn.

Holy-Fuck-Shit-Nigger-Politician
Möglicherweise böte eine weitere Schimpfkategorie Gelegenheit zum kreativen Dampfablassen: die Politik, vor allem auf Twitter. Der gegenwärtige Präsident der USA twittert ja, als hätten die Nerven ihn und nicht er die Nerven unter Kontrolle. Anlässlich seines Schottlandbesuchs 2016 verlautete er: „Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games!“ Worauf ein ganzer Güllentank an Tiraden sich über ihn ergoss, etwa: „Du könntest nicht realitätsfremder sein, als wenn Nessie dich in den Arsch gebissen hätte“; „polyester cockwomble“ (Vollidiot aus Polyester“); „weaselheaded fucknugget“ („wieselköpfiger Fickbrocken“) oder „tiny fingered, cheeto-faced, ferret wearing shitgibbon“ („winzigfingriger, chipsgesichtiger Scheissgibbon mit Frettchen auf dem Kopf“); „bolt ya hamster heedit bampot, away and boil yer napper“ (schottisch für „hau ab, hamsterköpfiger idiotischer Hooligan, und geh deinen Schädel brühen“).[3]

Inzwischen genügt bei vielen Politikern allein die Namensnennung oder Verballhornung. Legendär schon der SPD-Politiker Herbert Wehner, der den CDU-Mann Jürgen Wohlrabe in „Übelkrähe“ umtaufte. „Idi Alpin“ für Franz Josef Strauss ist auch nicht von schlechten Eltern. Oder „Silvio Siliconi“. Heute spricht man von „Angüla Mürkel“, der „Erdo-Gans“. „Erdoganen“: jede Kritik als Terrorismus abtun. Gut möglich, dass „Du Freysinger!“ schon bald zur Beleidigung erblüht, gerade in der „Üsserschwiiz“.

Dank Politikern schlägt die Kreativität des Schmähens Purzelbäume. Man werfe einen Blick in den „Urban Dictionary“[4]; oder in die deutsche „Mund Mische“[5]. Guter Geschmack ist hier natürlich nicht die Leitlinie, wie überhaupt in den Feuchtzonen der Sprache. Nicht selten stösst man auf bloss Widerliches. Wie in der Politik eben.









[1]    Benjamin K. Bergen: What the F, New York, 2016. Historisch ergänzend und sehr instruktiv ist Melissa Mohr: Holy Shit. A Brief History of Swearing, Oxford University Press, 2013.
[2]    Einen amüsanten Einblick in Haddocks Invektivenwortschatz gibt Albert Algoud: Hunderttausend Höllenhunde: Haddocks Einmaleins des Fluchens, Carlsen, 1999.
[3]      https://qz.com/716915/donald-trumps-visit-to-scotland-inspired-some-very-creative-british-profanity/
[4]      http://www.urbandictionary.com
[5]      https://www.mundmische.de/lexikon/

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen