Donnerstag, 26. Januar 2017

Der Trick des Neuropleonasmus’





Neuromanie herrscht - die Tendenz, allem, was der Mensch tut und denkt, das Präfix „Neuro“ anzuheften: Neuromarketing, Neuroökonomie, Neurokommunikation, Neuroergonomie, Neuroethik, Neuroästhetik, Neurodidaktik, Neurojustiz, Neuropolitik, Neurokriegsführung, Neurotheologie, Neurospiritualität, Neurotelepathie, Neurogastronomie, Neuroönologie, Neuro-Was-auch-immer.

Vordergründig manifestiert sich in diesem „Alles Neuro“ einfach eine gängige Verkaufstatktik. Man bringt ein Buch mit dem Präfix „Neuro“ schnell und leicht auf den Markt. Dahinter steckt aber die wissenschaftliche Zuversicht, jede nur denkbare Tätigkeit des Menschen mit seiner Hirnaktivität in Verbindung zu bringen, also ein Neuro-Materialismus, der das ganze Geistesleben nun endlich auf die robuste Basis von Nervenzellen stellt. Die Zuversicht ist nicht neu, sie äusserte sich bereits im 19. Jahrhundert, etwa in der berüchtigten Analogie des Mediziners Carl Vogt, der Geist verhalte sich zum Gehirn wie der Urin zur Niere.

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Gegenüber einem solch relativ grobschlächtigen Materialismus zeichnet die moderne Hirnforschung ein viel differenzierteres Bild des Geist-Gehirn-Zusammenhangs. Und dennoch bleibt sie dem alten materialistischen Axiom verbunden, das Gehirn sei der eigentliche Lenker des Geistes.

Und zwar bedient sich die Neuromanie eines Tricks, den man nicht so leicht durchschaut. Sie beginnt mit ganz alltäglichen Tätigkeiten wie Entscheiden, Kommunizieren, Lesen, Rechnen, Essen und Trinken, und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Neuroebene, wo hochkomplizierte Vorgänge ablaufen, während wir etwas tun, denken und erleben. Höchst interessant, sagen wir dann höflich beeindruckt, und wollen wieder zu den Alltagsgeschäften zurückkehren, denn letztlich teilt uns die Neurowissenschaft bloss den Pleonasmus mit, dass an all dem, was wir tun, denken und erleben, auch das Gehirn beteiligt ist. Nein, nein, ruft uns die Neuromanie zu, jetzt, da du weisst, was im Hirn passiert, musst du den Pleonasmus umkehren: Was du auch tust, denkst und empfindest, du beteiligst dich immer nur am Hirngeschehen. Im Grunde führen die anderthalb Kilo Materie in deinem Schädel Regie. Es ist nicht so, dass du an alles, was du tust, denkst und empfindest, das Präfix „Neuro“ anhängst, eigentlich bist du selbst ein Präfix deines Gehirns.  Ehe man sich’s also versieht, hat sich der Pleonasmus zum Materialismus gewandelt. 

Montag, 9. Januar 2017

Unsere neurotelepathische Zukunft





Langversion eines Artikel in NZZ, 5.1.2017

Vor kurzem warf sich Mark Zuckerberg anlässlich seines regelmässigen Facebook-Hochamts wieder einmal in die Pose des Propheten: „Ich glaube, eines Tages werden wir fähig sein, uns einander Gedanken direkt zu schicken. Du wirst einfach etwas denken und deine Freunde werden unmittelbar an dieser Erfahrung teilnehmen, wenn du es willst. Das wäre die ultimative Kommunikationstechnologie.“

Zwischenmenschlicher Verkehr nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern von Hirn zu Hirn? Ein Hotspot ist zurzeit das Neuromarketing. Ziel: Man fragt den Kunden gar nicht mehr, man guckt ihm direkt ins Gehirn. „Buyology“ nennt sich das. Ihr Erfinder, der dänische Pfiffikus Martin Lindstrom, hat sie auf eine simple Formel gebracht: „Menschen lügen, Gehirne nicht.“ Daraus ergibt sich die Devise: Was die Leute wirklich fühlen, erkennt man am besten an ihrem Hirn, nicht an dem, was sie so dahin sagen. Also: Halt den Mund und lass dein Hirn scannen.

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Das klingt einigermassen hirnrissig, aber die Entwicklung ist ernst zu nehmen. Aus mindestens drei Gründen. Erstens wird fieberhaft an der Entwicklung von „Predictive Analytics“ gearbeitet, das heisst an Techniken, die möglichst präzise Voraussagen treffen, was eine Person (Kunde, Straftäter, Sportgegner, Kriegsfeind) nächstens tun wird, und zwar am besten, bevor sie weiss, dass sie es tun wird. Amazon hat 2013 ein Patent angemeldet namens „antizipatorischer Versand“ - „eine Methode, Pakete zu liefern, bevor der Kunde ‚kaufen’ klickt.“ Die Methode beruht auf einem ausgeklügelten Algorithmus, der errechnet, was als nächstes zu versenden sei. Er durchforstet die Datenmasse vorangegangener Bestellungen, Produktsuchen, Wunschli­sten, Inhalten von Einkaufswagen, Rücksendungen und sogar der Zeitdauer, in der ein Kursor bei einem Artikel im Onlineshop verweilt. Es herrscht Krieg, der Krieg um Kundschaft - und „prädiktive Analyse“ ist eine Wunderwaffe.

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Zweitens wäre es natürlich ideal, die Kundenwünsche direkt aus dem Kundenhirn ablesen zu können. Davon träumen Zuckerberg und Konsorten. Zumal die Hirnforschung die Vision einer nichtverbalen Beeinflussung befeuert. Kürzlich publizierte ein Team von Neurowissenschaftern an der University of Washington die Resultate eines Experiments, in dem verschiedene Probandenpaare miteinander über das Gehirn kommunizieren. Ein Proband fungiert als „Sender“. Er verfolgt auf dem Bildschirm ein Game und kann über ein Touchpad ein virtuelles Gewehr bedienen. Ein Elektroenzephalograph zeichnet die Hirnaktivität des Senders auf und übermittelt sie über das Internet dem 500 Meter entfernten Hirn des „Empfängers“, der ebenfalls ein virtuelles Gewehr über das Touchpad bedienen, aber das Game nicht auf dem Bildschirm verfolgen kann. Die Handbewegung des Senders lässt sich so auf die Handbewegung des Empfängers direkt via Hirn übertragen. Wenn der Sender schiesst, schiesst auch der Empfänger. Die Trefferquote variierte unter den Probandenpaaren zwischen 30 und 80 Prozent.

Es ist sicher zu früh, aus solchen Experimenten auf ein Zeitalter der neuroelektronischen Telepathie zu extrapolieren. Aber die Möglichkeit eines solchen nichtverbalen Kundenfangs lässt Werbemanagern und Marketingstrategen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Es gibt bereits das „Affective Computing“, Mustererkennungs-Software, die aus meiner Physiognomie meine Wünsche und Absichten zu erraten sucht. Banal ausgedrückt: die Software will mich verstehen, ohne verbalen Schnickschnack. Ein Programm mit dem sinnigen Namen „Beyond Verbal“ analysiert die Intonation der Stimme. Das Startup „Humanyze“ (man beachte die Subtilität der Namensgebung) benutzt soziometrische Methoden in Kombination mit Wearables, um den Personalbüros von Firmen in der Durchleuchtung der Befindlichkeit ihrer Angestellten zu Hand zu gehen. All diese Technologien sind Beispiele für das, was der britische Medienwissenschafter Andrew Mc Stay als „empathisches Medium“ bezeichnet.

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Drittens zeichnet sich hier – wie schon angedeutet - eine Entwicklung ab, die das Verbalisieren in Zukunft immer entbehrlicher erscheinen lässt. In den Social Media hat sich ja bereits ein symbolischer Verkehr über einen Zeichensatz von Kürzeln eingebürgert. Eine stille Landnahme unserer Kommunikation durch die Sprache der Emoticons und Emojis bereitet sich vor. Linguisten wie Tyler Schnoebelen von der Stanford University sehen in ihnen Vehikel der Vereinfachung: „Sie machen die persönliche Kommunikation eindeutiger und beugen Missverständnissen vor, indem sie zum Beispiel Unhöflichkeiten auffangen. Emojis funktionieren da, wo Worte an ihre Grenzen stossen.“ Deshalb evozieren Autoren, etwa William Davis im amerikanischen Magazin „The Atlantic“, sogar das „Ende der Sprache“. Es beginne damit,  „die Leute dazu anzuhalten, sich nicht über unordentliche Ansammlungen von verschwommen definierten Wörtern auszudrücken, sondern über klare, formale Symbole – Emoticons oder Emojis zum Beispiel. Wenn wir über Emojis miteinander sprechen, sprechen wir ein Sprache, die Computer verstehen.“

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Damit unterstellt Davis implizite, dass wir selber zu Computern mutieren. Natürlich ist das dramatisch überzogen. Klar definierte Symbole und Sprachregelungen sind hilfreich in formalen Systemen – und sie waren es schon vor dem Computer -, aber wir Menschen lassen unser symbolisches Verhalten nie auf diese Weise regulieren. Auch wenn man uns solche Regulierungen aufoktroyieren möchte, so sperren wir uns dagegen mit eigenwilligem, vieldeutigem, kreativem, ja, subversivem Symbolgebrauch (den gibt es auch mit den Emojis). Uneindeutigkeit ist die eminent humane Dimension der Sprache. Das ist die bleibende Lektion von Wittgenstein: Sprache hat kein starres logisches Gerüst, sie ist flexibel wie eine Lebensform. Die Designer von Natural-Language-Processing, d.h. der maschinellen Sprachverarbeitung, können ihr Lied singen von der Schwierigkeit, Computern so sprechen zu lehren, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Das verwundert kaum, wenn man sich vergegenwärtigt, dass natürliche Sprachen (und in Zukunft womöglich auch Emojis) als Teile von Lebensformen in diesem Sinn auch von den Mehrdeutigkeiten, Nuancen und unausformulierten Regeln geprägt sind. Die Sensibiltät dafür erlernt man nur, indem man sich an der Lebensform beteiligt. Das tun Computer (bis dato) nicht.

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Es ist aufschlussreich, einen kurzen Blick auf die Anfänge der Kybernetik in der 1940er Jahren zu werfen. Norbert Wiener, einer ihrer Pioniere, suchte nach einem Konzept von Kommunikation, das auf Maschinen ausweitbar ist. Im Hinterkopf hatte er dabei das Projekt des Baus einer präzisen Flugabwehrkanone. Wiener vermutete, dass Piloten in der Gefahrensituation, ständig beschossen zu werden, durchaus ein regelhaftes und voraussagbares Verhalten zeigen. Das heisst, Schütze und Flieger treten zueinander in eine nichtverbale Kommunikation. Warum dann nicht auch Geschütz und Flieger? Deshalb hatte für die Konstruktion einer Präzisionskanone die Frage höchste Priorität, wie sie dem Verhalten des Fliegers zuvorkommen kann. Also genau jenes Problem, mit dem sich heute die Erben der Kybernetik, die Designer „smarter“ vorausschauender Technologien herumschlagen: Wie lassen sich unsere „Kanonen“ ausrüsten, damit sie den Kunden möglichst präzise „abschiessen“, ohne dass je ein Wort gewechselt worden wäre.

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Aber nicht nur die Präzision, Kundenwünsche zu treffen, wirkt als starkes Motiv. Ein anderes, weit weniger offenkundiges ist natürlich die Frage des Besitzanspruchs. Das ist ein vierter Grund dafür, die Entwicklung mit wachem Auge zu verfolgen. Die natürliche Sprache gehört niemandem. Aber bestimmte Codes, Smileys, Emojis sind urheberrechtlich geschützt. Sie gehören Unternehmen. Es gibt zum Beispiel die Smiley Licensing Corporation, gegründet vom Franzosen Franklin Loufrani. Die Firma floriert. Mittlerweile existieren etwa 400 Smiley-Lizenznehmer in mehr als 100 Ländern der Welt. Die jährlichen Umsätze mit Lizenzprodukten liegen nach Firmenangaben bei etwa 100 Millionen US-Dollar. Man riecht den Braten. In dem Masse, in dem diese „Privatsymbolik“ unsere natürliche Sprache infiltriert, in dem Masse melden auch Privatunternehmen ihre Besitzansprüche auf die Kommunikation an.


Das Ende der Sprache, wie wir sie kannten? Nospeak, als Fortentwicklung von Orwells Newspeak? Ich möchte nicht dramatisieren, aber eine stillschweigende und schleichende Sprachverschiebung ist im Gang. Der industrielle Kapitalismus privatisierte die Produktionsmittel; der digitale Kapitalismus sucht die Kommunikationsmittel zu privatisieren. Genau das steckt hinter der „ultimativen Kommunikation“ der Menschheitsbeglücker aus Silicon Valley. Und das Glück, das sie verheissen, kennt kein Erbarmen.