Samstag, 26. August 2017





NZZ, 22.6.2017

Wenn Algorithmen undurchschaubar werden
Auf der Schwelle zum Maschinozän

Auf die Frage, ob es je Computer geben werde, die so intelligent sind wie Menschen, erwiderte der amerikanische Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge lapidar: „Ja, aber nur für kurze Zeit.“ - Die Maschinen beginnen zu lernen. „Deep Learning“ nennt sich die Technologie. Bereits feiern einige Propheten den Advent einer postbiologischen Intelligenz. Der Cambridger Philosoph Huw Price spricht vom kommenden Zeitalter des „Maschinozäns“, auf das wir uns vorbereiten sollten. [i]

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Als von zentraler Bedeutung erweisen sich heute neuronale Netze. Wir können sie uns am einfachsten veranschaulichen als viele miteinander verbundene Drehschalter – die „Neuronen“ -, die in Schichten mit unterschiedlichen Funktionen angeordnet sind und sich kontinuierlich justieren lassen. Sie leiten über elektrische Verbindungen - „Synapsen“ – Signale weiter. Jede dieser Leitungen hat einen bestimmten Wert; hoher Wert bedeutet, die Verbindung leitet gut, tiefer Wert, die Verbindung leitet schlecht. Auch die Schalter sind gekennzeichnet durch einen sogenannten Schwellenwert, der angibt, ab welcher Signalstärke die ankommende Information weitergeleitet wird. Wir haben es also mit einer offensichtlichen Analogie zu den anregenden und hemmenden Signalen in biologischen Gehirnen zu tun.

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Wie lernen sie? Ganz einfach dadurch, dass man die Werte der einzelnen Neuronen und ihrer Synapsen neu justiert. Das Netz soll zum Beispiel Katzenbilder erkennen. Dazu setzt man ihm eine Pixelmenge als Trainingsdaten vor. Das Netz „lernt“ in einer ersten Schicht, dunkle und helle Pixel zu unterscheiden, in einer zweiten Kanten und andere einfache Formen, in einer dritten komplexere Figuren, und so weiter, bis es gelegentlich etwas Katzenartiges aus der Pixelmenge aussortieren kann. Bei den Netzverbindungen, die zu diesem Output führen, werden nun die Gewichtswerte neu justiert. Ein Lern-Algorithmus besorgt dies. Führt man diesen Prozess wiederholt durch, resultiert ein Netz, in dem die „Katzen-erkennenden“ Verbindungen verstärkt und stabilisiert sind. - Im besten Fall, wohlgemerkt. Immer wieder kommt es vor, dass sich solche Netze nach erfolgreicher Trainingsphase als völlig unbrauchbar für neue Anwendungen erweisen. Die Bilderkennung von Google identifizierte zum Beispiel dunkelhäutige Menschen als „Gorillas“, die Software von Flickr sah im Eingangstor des Konzentrationslagers Dachau ein „Klettergerüst“. 

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Ein neuartiger Problemtypus nimmt Gestalt an. Man kann ihn so zusammenfassen: Input geht hinein, Output kommt heraus, aber wir verstehen nicht oder nur fragmentarisch, was in den Zwischenschichten passiert. Für Undurchschaubarkeit sorgen ja eigentlich die „Meta-Algorithmen“ des Lernens.

Das Problem hat eine ganz praktische Komponente, zumal heute, da viele Entscheidungs­findungen von Computern abhängen. Hiezu ein Beispiel. Am medizinischen Zentrum der University of Pittsburgh wurde ein Deep-Learning-System zur Voraussage entwickelt, ob bei Patienten mit Lungenentzündung das Risiko verschiedener weiterer Komplikationen besteht. Die Idee war natürlich, Patienten mit niedrigem Risiko zur kostengünstigeren Behandlung nach Hause zu schicken. Das System graste also die Daten aus den Krankendossiers ab, „lernte“, und empfahl entsprechende Massnahmen. Als die Forscher die Empfehlungen etwas genauer unter die Lupe nahmen, entdeckten sie etwas Irritierendes. Das System empfahl, Patienten mit Asthma und Lungenentzündung nach Hause auszuquartieren, wo doch bekannt ist, dass Asthma in Verbindung mit Lungenentzündung die Komplikationsrisiken stark erhöht.

Was war geschehen? Nun, eine dieser unergründlichen Denk-Volten, zu denen Deep-Learning-Systeme offenbar fähig sind. Zur Politik des Spitals gehört, Patienten mit Asthma und Lungenentzündung vor vornherein einer besonders intensiven Pflege zu unterziehen, und diese Massnahme funktioniert so gut, dass in den Dossiers kaum je über Komplikationen zu berichten war. Das System zog daraus den Schluss: Patienten mit Asthma und Lungenentzündung können nach Hause geschickt werden, weil Asthma das Komplikationsrisiko verringert.

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Das ficht die Designer nicht an: Bloss eine Kinderkrankheit des Algorithmus, weiter nichts. Das System muss lernen, die Gefährlichkeit seiner Schlussfolgerungen zu erkennen.  Aber das kann es nur, wenn die Designer – wie im Fall unseres Beispiels – Einblick in diese Schlussfolgerungen haben. Eine naheliegende Lektion daraus könnte sein, dass man das neuronale Netzwerk trainiert, seinen Output in ein menschlich interpertierbares Format zu übersetzen.

Nichtsdestoweniger stellt die Interpretierbarkeit ein ernsthaftes Problem dar. Das sehen auch die Designer. Zum Beispiel Dimitry Malioutov von IBM. Er entwarf für eine grosse Versicherungsgesellschaft ein Programm auf der Basis von Deep Learning: „Wir konnten das Modell unseren Kunden nicht erklären, weil sie nicht in Maschinenlernen ausgebildet waren.“ Aber auch Experten bekunden oft Mühe, das, was ihre „lernenden Schüler“ ausgeben, zu verstehen. Malioutov bietet aus diesem Grund den Kunden statt Deep-Learning-Maschinen oft ein Regel-basiertes System an, das gut interpretierbar ist. Dieses erweist sich zwar vielfach als weniger präzise als das neuronale Netz, trotzdem entscheiden sich die Kunden für ersteres. „Sie bringen es mehr in Übereinstimmung mit ihren Intuitionen,“ erklärt Malioutov.

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Die Undurchschaubarkeit der Maschine wird uns wahrscheinlich immer mehr beschäftigen. Sie wird eine neue Kategorie von Technik charakterisieren. Das Programm AlphaGo, das 2016 den Go-Weltmeister Lee Sedol besiegte, führte Züge durch, die von Beobachtern als geradezu übermenschlich taxiert wurden. Über den entscheidenden Zug in einem Spiel begeisterte sich der Europameister Fan Hui: „Es war kein menschlicher Zug. Ich sah nie einen Menschen diesen Zug spielen. So schön ist er.“

Der Vergleich mit anderen algorithmischen Orakeln – zum Beispiel statistischen Klassifikations­systemen oder Entscheidungsbäumen – zeigt ein umgekehrtes Verhältnis von genauer Voraussage und Verstehbarkeit: Je fähiger das System zu exakter Voraussage ist, desto  schwieriger ist es interpretierbar. Wie der Neurokybernetiker Aaron Bornstein vom Princeton Neuroscience Institute schreibt: „Modernes Maschinenlernen offeriert eine Wahl zwischen Orakeln: Wollen wir möglichst präzise wissen, was passiert, oder wollen wir wissen, warum etwas passiert, auf Kosten der Präzision? Das ‚Warum’ hilft uns, Strategien zu entwerfen und zu wissen, wann unser Modell zusammenbricht. Das ‚Was’ hilft uns, angemessen in der unmittelbaren Zukunft zu agieren.“ [ii]

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Und wenn uns die Ausgeburten unseres Kopfes über den Kopf wachsen? Mit dieser Frage bewegen wir uns auf dem Boden der Spekulation, wo vor allem die Science Fiction weidet. Aber was man auch von ihren teils exaltierten Phantastereien halten mag, wir werden es wahrscheinlich vermehrt mit „kognitiven Exoten“ zu tun bekommen. Deshalb brauchen wir eine Anthropologie im Maschinozän, die Aussichten auf das Menschsein unter und mit Maschinen eröffnet. Jürgen Habermas warnte 1968 vor Wissenschaft und Technik als Ideologie. Heute meldet sich eine neue, weitaus potentere Algorithmen-Ideologie zu Wort. Algorithmenentwerfer verstehen vielleicht viel von Maschinen und deren Logik, aber verstehen sie eigentlich etwas von den Menschen, die sie brauchen? Das heisst, sehen sie im Menschen mehr als ein abrichtbares Verhaltensmodul? Wenn man heute bereits vernimmt, die Stärke der künstlichen Intelligenz sei ihre Unergründlichkeit, dann liesse sich darauf erwidern, dass gerade wir Menschen diese Stärke den Maschinen voraus haben. Das kann immerhin ein Grund zur Zuversicht sein.




[i]    Huw Price: Now it’s time to prepare for the Machinocene, Aeon, 17.10.2016; https://aeon.co/ideas/now-it-s-time-to-prepare-for-the-machinocene.
[ii]   Aaron Bornstein: Is Artificial Intelligence Permanently Inscrutable? Nautilus, 1.9.2016; http://nautil.us/issue/40/learning/is-artificial-intelligence-permanently-inscrutable.

Sonntag, 2. Juli 2017

Fakt und Fake in der Medizin






NZZ, 27.6.2017

Es gibt nicht nur alternativen Fakten, es gibt bekanntlich auch alternative Heilpraktiken. Sie schiessen immer noch üppig ins Kraut. Immer noch, weil wir uns zwar seit etwa anderthalb Jahrhunderten einer vertrauenswürdigen Medizin mit naturwissenschaftlicher Theoriebasis und effizienten Heiltechnologien erfreuen, das Terrain des Heilens dennoch von einem Netz „submedizinischer“ Strömungen unterspült wird, in denen es nur so wimmelt von Handauflegern, Geistheilern, Tinkturenmischern und anderen nachtschattigen Gesundheitshausierern.

Eigentlich handelt es sich hier um ein Paradox. Nennen wir es die Wirksamkeit des Unwirksamen. Die Wissenschaft findet keinen Nachweis für die Wirksamkeit eines Heilverfahrens – und trotzdem glauben viele Leute daran, ja: scheint es sogar zu wirken. Das Phänomen wirft ein Licht auf ein fundamentales Problem der Medizin, das gerade heute, im Zeitalter des „Fake“, eine akute Bedeutung erhält.

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Der amerikanische Philosoph William James hat vom „Willen zum Glauben“ gesprochen. Er ist, so James, stärker als unsere Vernunftmittel. In der Medizin äussert sich dieser Glaube ja auch ganz offensichtlich im Placeboeffekt. Es gibt den Willen zum Heilen und Gesundwerden. In einer Person, die an einer Krankheit oder einem Defizit leidet, kann dieser Wille ungeahnte Kräfte freisetzen. Vor allem ein Todkranker wird, auch wenn er nicht an Wunder glaubt, doch vom Gefühl geleitet „Warum nicht?“ Optimismus assistiert jedem Heilverfahren.

So weit, so trivial. Nicht trivial wird die Sache, wenn dieser Glaube mit wissenschaftlichen Tests interferiert. Ich kann füglich glauben, dass ein Mittel wirkt, auch wenn die Wirkung nicht objektiv nachgewiesen ist. Und genau hier gilt es, wachsam zu sein.

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Der menschliche Körper ist eine natürliche Wundermaschine der Selbstheilung. Darauf beruhte der Erfolg der Medizin vor dem 19. Jahrhundert grösstenteils. Das heisst: Wenn die Medizin heilte, dann oft trotz ihrer Eingriffe. Nun ist die Medizin effektiver geworden, aber auch heute neigen wir zu einem Fehlschluss, den man mit folgendem Beispiel veranschaulichen kann: Wenn du ein Glas Wasser gegen Kopfweh nimmst, und du fühlst dich danach besser; dann hat das Wasser die Besserung verursacht. – Kann sein, muss aber nicht.

Das ist ein Beispiel für unser „Kausalitäts-Bias“. Wir neigen dazu, all das, was geschieht, nicht einfach nach dem Muster des Nacheinander, sondern des Wegeneinander zu interpretieren. Die neuere Geschichte der Medizin ist voller vorschneller Kausalitäts-Unterstellungen; vom Zusammenhang zwischen Verstopfung, Selbstvergiftung und Krankheit, postuliert vom britischen Chirurgen Sir Arbuthnot Lane anfangs des letzten Jahrhunderts, über Linus Paulings Glaube an die Wirksamkeit von Vitamin C gegen Krebs, bis neuerdings zum Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus, postuliert von Andrew Wakefield, einem in die USA ausgewanderten britischen Arzt. Wir wollen ein Wirken sehen - auch wenn keine Wirksamkeit da ist.

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Ein anderer Grund für die Illusion der Wirksamkeit liegt in einer Marketingtaktik: Gib das Scheitern als Erfolg aus. Die krudeste Version ist die, Misserfolge einfach unter den Teppich zu kehren; oder man präsentiert spontane Remissionen als Scheinsupport für die Behandlung; gang und gäbe ist auch, eine Theorie aufzustellen, die hilft, Misserfolge umzudeuten. „Holistische“ Heilpraktiken gehen davon aus, dass immer die Ganzheit Körper-Psyche-Geist an der Krankheit beteiligt ist. Ein Credo lautet: „Es ist wichtiger zu wissen, welche Art von Patient die Krankheit hat, als zu wissen, welche Art von Krankheit der Patient hat.“ Solche Ganzheitstheorien umhüllen sich mit einer Aura der Plausibilität, die Adhoc-Erklärungen erlaubt. Besonders dreist, wenn nicht gar rechtserheblich muten Behandlungen an, die sich gleich Selbstabsolution erteilen, im Sinne der Falsifikationslogik: Wenn eine Behandlung beim Patienten nicht anschlägt, dann liegt der Fehler beim Patienten, nicht bei der Behandlung. Es sei daran erinnert, dass vor der Entdeckung des Tuberkelbazillus oft den Kranken die „Schuld“ für ihre Turbekulose gegeben wurde.

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Moderne Medizin ist beeindruckend erfolgreich in ihren lokalen Interventionen: etwa in der Tumoroperation, in der Reparatur von Nervensträngen, im Einsatz von Antibiotika. Sie kümmert sich um den Patienten als physiologischen Komplex, relativ wenig um den Patienten als Person. Aus diesem Manko gewinnen alternative Behandlungsmethoden ihre Bedeutung und ihren Zuspruch. Sie sind „nichtlokal“. Es geht um „Wellness“, „Mindfulness“, „Biofeedback“. Nun, fragt man, wer strebt nicht danach? Und da lauert die Plausibilitätsfalle, der reichlich ausgestrichene Leim, auf den man kriechen kann. Dieser Leim heisst Mehrdeutigkeit. Alternative Praktiken kaprizieren sich meist auf diffuse, nicht direkt verifizierbare Kriterien. Auch wenn ein spezifischer Heilerfolg ausbleibt - Unspezifisches geschieht immer. Das Mittel gegen Fettleibigkeit hilft nicht, aber ich habe jetzt meine innere Balance gefunden; also hat das Mittel doch „irgendwie“ gewirkt. Ich nenne dies den Trugschluss der unspezifischen Wirksamkeit. Je diffuser die Erfolgskriterien einer Behandlung, desto „erfolgreicher“ erscheint sie. Ein Trick der Scharlatane.

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Es gehört schon fast zur Folklore, alternativen Heilmethoden ihre mangelnde „evidence“ vorzuhalten. Nun sollte man sich freilich hüten, im wissenschaftlichen Eifer das „Fake“-Etikett überall da anzubringen, wo eine akzeptierte Fakten- oder Evidenzbasis fehlt. Der wissenschaftlichen Medizin erwächst in der Tat selbst auch ein „Fake“-Problem, paradoxerweise gerade infolge einer Überfülle an „evidence“.

Wir kennen Nachrichten des Typus’ „Ein Forscherteam der Universität X hat herausgefunden, dass die Adoption eines Kindes bei unfruchtbaren Paaren die Wahrscheinlichkeit erhöht, selber ein Kind zu zeugen“. Eine obstetrische Entdeckung? Klinische Studien haben sie widerlegt. Trotzdem fluten uns News dieser Art täglich an, weil Forscher in immensen Datengewässern fischen und mit dem Netz effizienter statistischer und computerisierter Methoden eine Unmenge Korrelationen fangen können. Das ist zwiespältig. Die wissenschaftliche Medizin erhält mit einer grösseren Datenbasis Aussicht auf grössere Ausbeute. Gleichzeitig fördert dies aber eine Forschungsmentalität, die statistisches Denken überbewertet.

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Statistiker kennen den Fehlertypus des „falschen Positiven“: Man präsentiert einen Fischfang aus einem Gewässer, wo es gar keine Fische gibt. Falsche Positive sind umso unvermeidbarer, als die Datenmassen ins Grenzenlose wachsen. Der Epidemiologe John Ioannidis kritisierte schon 2005 die biomedizinische Forschung in einem Paper mit dem Titel „Warum die meisten Resultate falsch sind“. Sein Befund: Statistische Signifikanz bedeutet nicht kausale Relevanz. Viele Studien sind von einem laxen Erfolgskriterium geleitet, das zuviele Scheinentdeckungen erlaubt; im Besonderen Resultate, die sich nicht replizieren lassen. Man spricht heute nachgerade von einer Replikationskrise. Korrelation ersetzt kausales Denken – das ist die Losung der Big-Data-Evan­gelisten. Und sie kennzeichnet exakt die Mentalität einer postfaktischen Medizin.

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Heilverfahren haben drei Seiten: die gute, die schlechte und die unbekannte. Die dritte ist nicht zu unterschätzen. Es gibt mehr Dinge auf dem Feld des Heilens als Schul- und Alternativmedizin sich erträumen; gerade in der diffusen Grauzone zwischen Physis und Psyche. Weder behaupte ich also, dass alternative Behandlungen tutti quanti wirkungslos sind, noch unterstelle ich, dass mit statistischen Methoden per se Fake-Entdeckungen produziert werden. Die Wirksamkeit des Unwirksamen ist Aspekt eines allgemeineren Phänomens, nämlich der Wissensillusion: Wir wissen weniger als wir zu wissen glauben. Der Satz müsste uns als Memento im Zeitalter des „Fake“ begleiten. Die Lektion daraus wäre ein bescheidenes, aber umso kämpferischeres „Guck nochmals hin, Dummkopf!“


Dienstag, 20. Juni 2017

Dürrenmatt, der Zufall und die Quantentheorie





Theorie und Theater
Als Physiker ist man von Dürrenmatt immer wieder angesprochen, und zwar, möchte ich behaupten, weil er wie kaum ein anderer Schriftsteller den Denkstil der Physik begriffen, reflektiert und auch auf seine Dramaturgie angewandt hat. Ich meine jetzt gar nicht so sehr sein wohl berühmtestes Stück, als vielmehr eine verborgene tiefe Verwandtschaft von Physiker und Schriftsteller. Ich glaube, Dürrenmatt hat sie intuitiv gespürt. Nicht zuletzt, weil er ja zunächst eine Philosophiestudium begonnen hatte, und Philosophie und Physik sind letztlich zwei Seiten einer Münze. Ich rede jetzt vom theoretischen Physiker. Theorie und Theater haben die gleiche griechische Wortwurzel, in der das Schauen vorkommt. Die Welt ist sowohl für den Physiker wie für den Dramatiker ein Theater. Der eine schaut und erklärt, der andere schaut und erzählt.

Determinismus
Wer schaut, schafft Bilder. Sowohl der Physiker wie der Dramatiker tun das. Sie schaffen Weltbilder. Die neuzeitliche Physik beruht auf einer dominierenden Metapher, der Welt als eines Uhrwerks. Gott hat das Uhrwerk gebaut, in einem einzigen ingenieuralen Schöpfungsakt, und er hat dann das Uhrwerk sich selbst überlassen. Es schnurrt seit seiner Schaffung einfach ab. Das ist die Vorstellung von Isaac Newton, des ersten grossen theoretischen Physikers. In seinen Augen hat Gott etwas gepfuscht, deshalb muss er ab und zu eingreifen und das Uhrwerk neu justieren. Aber im Ganzen läuft alles recht gut nach seinen Gesetzen ab.

Dürrenmatt hat sich von der Metapher des Uhrwerks inspirieren lassen, er spricht allerdings, wie es sich für einen Dramatiker gehört, vom Spiel, vom Schachspiel. In seinem berühmten Jubiläumsvortrag zu Einsteins 100. Geburtstag  an der ETH im Jahre 1979 schreibt er:  
„Stellen wir uns (..) das Weltgeschehen als ein Schachspiel vor, so sind (..) zwei Partien denkbar, eine deterministische und eine kausale. Beim deterministischen Schachspiel sitzen sich zwei vollkommene Schachspieler gegenüber, zwei starre und sture Göttergötzen der Urwelt etwa (..) oder  zwei vollkommene Computer. Die Menschen sind die Schachfiguren. Diese sind in ihrer Partie determiniert, Folgerungen der aussermenschlichen Schachüberlegungen: ob die Menschen Gutes oder Schlechtes vollbringen, ist gleichgültig, sie sind, ob weisse oder schwarze Figuren, von den gleichen Gesetzen bestimmt: von den Regeln des Schachspiels (..)“

Die Gottesperspektive
Das ist das deterministische Weltbild der klassischen Physik. Im Grunde handelt es sich um eine religiöse Idee. Die Idee eines Universums, dessen Bauplan die Forscher suchen und entziffern wollen. Einstein war ein grosse Vereinheitlicher in der Physik, getrieben, - wie er selber sagte - von einem „Verallgemeinerungsbedürfnis“. Dieses Bedürfnis wurde gespeist aus religiö­­sen Quellen. Seine ständige Berufung auf Gott ist notorisch, und sie mutet gelegentlich fast arrogant an. Als die Allgemeine Relativitätstheorie 1919 durch astronomische Messungen ihre erste spektakuläre Bestätigung erfuhr, erwiderte Einstein auf die Frage nach einem möglichen falsifizierenden Ausgang des Experiments: „Dann hätte mir der Herrgott leid getan - die Theorie stimmt“.

Einsteins Telegramm
1929 geriet die Relativitätstheorie unter theologischen Beschuss. Kardinal O’Connell aus Boston brandmarkte sie als nebulöse Spekulation, welche allgemeinen Zweifel an Gott und seinem Werk säe und die schauderhafte Erscheinung des Atheismus nach sich ziehe. Alarmiert sandte Rabbi Goldstein aus New York ein Telegramm an Einstein, mit der dringlichen Frage: „Glauben Sie an Gott? Stop. 50 Wörter als Antwort werden bezahlt.“ Einsteins Replik war kürzer:  „Ich glaube an den Gott Spinozas. An den Gott, der sich in der gesetzmässigen Harmonie der Welt offenbart, nicht an den Gott, der sich für das Schicksal und die Tätigkeiten der Menschen interessiert.“

Dieser kosmische Determinismus ist die Basis von Einsteins Religiosität. Sie basiert nicht auf Offenbarungen, Überlieferungen, Dogmen,  sie erwacht aus dem ehrfürchtigen Gefühl für eine alles Leben durchdringende Einheit. Dieses Gefühl allein erzeugt die Idee Gottes, freilich nicht eines personalen Gottes. Er manifestiert sich vielmehr in einer gesetzmässig geordneten Welt, weshalb die Entdeckung physikalischer Gesetzmässigkeiten für Einstein immer auch ein Weg hin zu Gott war:  „In der Wahrnehmung tiefgründiger Vernunft und Schönheit im Universum liegt die wahre Religiosität; in diesem, und nur in diesem Sinne bin ich ein tief religiöser Mensch.“

Zufall
Es fällt auf, wie sich Dürrenmatt immer wieder mit dieser Gottesperspektive beschäftigt hat. Gott nicht theologisch, sondern buchstäblich physikalisch aufgefasst. Dürrenmatts ganze Dramaturgie lebt von dieser Auseinandersetzung.  Und zwar, so vermute ich, weil er im Theater einen ähnlichen Bruch anstrebt, den auch die Physiker vollzogen haben: den Bruch mit einer deterministischen Welt und ihrer Gottesperspektive. Genau das tut eigentlich die Quantentheorie. Ihre zentrale Metapher ist nicht mehr das Uhrwerk-Universum, sondern der Würfelwurf: das Zufalls-Universum.

Dürrenmatt nimmt ein persönliches Erlebnis, nämlich einen Autounfall, als Beispiel. Bei einem Ausflug an den Genfersee wird er in einen schweren Unfall verwickelt, den er unbeschadet übersteht. Zwei Autos sind bei einem Überholmanöver neben ihm kollidiert, „Getöse, ein Klirren, Totenstille, dann Schreie, viel Blut, zwei blutüberströmte Männer, die aufeinander einschlugen, im ganzen fünf Schwerverletzte. Für Dürrenmatt eine dramaturgische Reflexion wert: Das Ereignis setzt sich auf den ersten Blick aus lauter Zufälligkeiten zusammen. Natürlich vermag ich die Kette der Zufälligkeiten nur von meiner Seite aus festzustellen: Ich hätte zu Hause bleiben können, ich hätte länger oder kürzer essen können, ich hätte überhaupt nicht ins Wallis oder: langsamer, oder schneller fahren können, ich hätte mich in Vevey nicht verfahren müssen usw. Eine ähnliche Kette von Zufälligkeiten liesse sich bei den anderen am Unfall beteiligten Wagen feststellen.“  

Der „reine“ Beobachter dankt ab
Man kann diese Überlegung auch umkehren. Das heisst, man könnte sich auf den Standpunkt stellen: Was wäre, wenn ich alles im Voraus gewusst hätte? Die klassische Physik spielt mit dieser alleswissenden, allesvorausschauenden Beobachterstandpunkt. Und deshalb ist die klassische Interpretation des Zufalls subjektiv: Etwas ist zufällig, weil ich nicht genügend weiss. Wir Menschen sind Schachfiguren in einem Spiel, das wir nicht völlig durchschauen. Der entscheidende Punkt ist: Wir können dieses Spiel nicht von aussen betrachten und begutachten. Wir sind Teile des Spiels. Das variiert Dürrenmatt immer wieder in seinen Erzählungen und Dramen. Und der Zufall erhält dadurch eine andere Rolle. Er wird im Grunde zum Regisseur.

Wenn ich mich entscheide, auf dem Velo in die Stadt zu fahren, und mir nun „zufällig“ ein Fussgänger vor die Räder läuft, dann ist dies ein „im Prinzip“ behebbarer Zufall; ein Beobachter mit dem nötigen Durchblick, der den Weltzustand vor dem Zusammenprall kennen würde, hätte dies vorausgesehen. Er könnte eine lückenlose Kausalkette von lokalen Ereignissen – von meinem Entscheid an bis zum Zusammenprall mit dem Fussgänger - rekonstruieren. Dieser allwissende Oberbeobachter dankt in der Quantentheorie ab. Selbst bei maximaler Quantenkenntnis – also einer Wellenfunktion, die quasi den Weltzustand vor der Kollision repräsentiert - könnte er den Zusammenstoss nicht mit völliger Gewissheit voraussagen, weil die Ungewissheit quasi in der Natur selbst liegt. Die Natur funktioniert auf fundamentalem Niveau nach dem Zufallsprinzip.  Einsteins Gott – der „Alte“ - würfelt.

Experiment und Kriminalfall
Wir lernen in der Schule, daß alle Körper auf der Erde mit der gleichen Beschleunigung fallen, daß die Fallstrecke mit der Fallzeit quadratisch zunimmt. Ein Gesetz der Natur, von Galilei entdeckt. Schauen wir genauer hin, werden wir bemerken, daß es nie genau gilt. Eine Feder und ein Hammer fallen unterschiedlich schnell. Galilei beeilte sich, uns zu belehren, daß die Gesetze der Natur nur unter Idealbedingungen gelten, d.h. nur dann, wenn wir uns alle Komplikationen wie etwa Luftwiderstand und andere störenden Einflüsse wegdenken. Die Gesetze sind für eine ideale Natur gedacht. Die reale Natur aber ist der Inbegriff aller Komplikationen.

Im Grunde hat die experimentelle Physik durchaus Dürrenmattsche Züge. Sie muss immer mit Komplikationen rechnen. Und die Kunst des Experimentierens besteht eigentlich darin, Zufälliges auszuschalten. Physik ist eine Wissenschaft, die Störungen vermeiden möchte. Aber die Welt, so könnte man mit Wittgenstein sagen, ist alles, was stört. Ein Experiment ist eine Falle, in der man die Natur einzufangen sucht. Aber sie spielt dieser Falle immer wieder einen Streich. Der Zufall unterwandert die Gesetzmässigkeit. Ein guter Experimentator weiss das auch.

Dürrenmatt hat diese Unterwanderung in seinem Kriminalstück „Das Versprechen“ parodistisch durchgespielt. Dem Experimentator entspricht hier der Ermittler, der mit allen kriminologischischen Wässerchen gewaschene Kommissar Matthäi. Er ist der klassische Detektiv, glaubt daran, mit wissenschaftlicher Rafinesse einen Serienmörder zur Strecke bringen zu können. Er stellt ihm eine Falle, indem er ihn mit einem weiteren potenziellen Opfer ködert. Nach der Theorie sollte der Täter in die Falle tappen. Nur rechnet die Theorie nicht mit der Möglichkeit, dass der Mörder durch einen banalen Unfall ums Leben kommen könnte. Und das geschieht tatsächlich. Der Kommissar glaubt an seine Theorie und wartet auf ihre Bestätigung und weiss nicht, dass der Täter, der die Theorie bestätigen könnte, unerkannt umgekommen ist.

Die Natur wird vom Zufall regiert
Das ist quantentheoretisch gedacht. Der quantentheoretische Detektiv rechnet nicht nur mit dem, was geschieht, sondern auch mit dem, was nicht geschieht, aber geschehen könnte. Das heisst, er denkt dürrenmattsch, in Wahrscheinlichkeiten oder besser: Unwahrscheinlichkeiten. Und er hat erst noch grossen Erfolg. Die Quantentheorie ist die am besten bestätigte physikalische Theorie, die wir haben. Das Irritierende an ihr ist, dass sich ihre physikalischen Interpreten bis heute nicht einig sind, warum dies so ist. Immerhin akzeptieren immer mehr Physiker die Ansicht, dass die Natur auf fundamentalstem Niveau nicht von deterministischen Gesetzmässigkeiten, sondern vom Zufall regiert wird.

Gott hat Dürrenmatt trotzdem nie ganz losgelassen. In einem seiner letzten Gespräche sagte er: Wenn man schreibt, ist man immer der Grosse Alte. Das heisst, man kann wie Gott ausserhalb des Schachspiels stehen. Aber wenn man vom Schreibtisch aufsteht, ist man nur eine kleine Schachfigur. Dürrenmatt hatte, als er dies sagte, sein Lachen gelacht.