Donnerstag, 24. November 2016

Computergeneriertes Bauchreden






Wir kennen die Geschichte: Cyrano de Bergerac, verunstaltet durch eine monströse Nase, liebt seine schöne Cousine Roxanne. Roxanne hat nur Augen für einen anderen, Christian de Neuvillette. Cyrano, grossherzig, leiht sein poetisches Talent dem Nebenbuhler: er schreibt in dessen Namen tiefgefühlte Liebesbriefe an die Angebete. Ein Ghostwriter in Herzensangelegenheiten, würde man heute sagen, einer sogar, der die Gefühle noch teilt. Lebte de Neuvillette freilich heute, bräuchte er wahrscheinlich keinen Cyrano mehr. Er hätte Allo von Google, eine neue App: ein neuronales Netzwerk als künstlichen Ghostwriter.

Allo prüft den Inhalt der eintreffenden Messages und Bilder auf dem Handy und empfiehlt schnelle Antworten – „smart replies“ -, die den Gefühlszustand des Adressaten wiedergeben sollen. Erhalte ich zum Beispiel ein Photo meines kleinen Enkels auf der Rutschbahn, dann gibt mir die App eine Palette von Reaktionsmöglichkeiten an die Hand: Emojis, Smileys, Abkürzungen, vorfabrizierte Phrasen „Wie süss!“ oder „Come on!“. Ein Klick entlastet mich also vom Extraaufwand einer passenden Antwort und ihrer Gefühlsarbeit.

Extraaufwand? Warum soll denn die Äusserung einer emotionalen Regung ein Aufwand sein? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens erweist es sich heute in der täglichen, ja stündlichen Überflutung durch E-Mails, Tweets und Messages oft geradezu als Schutzmassnahme, nicht immer selber antworten zu müssen. Und zweitens führt Google eine Künstliche-Intelligenz-Abteilung. Hier interessiert man sich brennend für Algorithmen, die das Gefühlsleben des Nutzers erkennen können; für Module, die mich „persönlich“ nehmen.

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Nun sind automatisch generierte Antworten zunächst einmal Symptom eines entfesselten Softwaremarktes, auf dem sich noch der abgedrehteste Nerd am Bildschirm eine Chance für einen Platz an der Sonne ausrechnen kann. Es herrscht Software-Krieg unter den Technologieunternehmen: Wer bringt es am weitesten mit der Automatisierung menschlichen Verhaltens? Im Jahre 2012 beantragte Google ein Patent für die „automatische Erzeugung von Empfehlungen für personalisierte Reaktionen in einem sozialen Netz“. Bei Geburtstagen oder Firmenjubiläen, so vermerkt die Patentschrift, würde man sich doch oft eine Maschine wünschen, welche eine passende festliche Gratulationsadresse verfassen könnte. „Viele Nutzer verwenden vernetztes Arbeiten online für professionelle und persönliche Zwecke. Jeder Verwendungstypus hat sein implizites Verhaltensprotokoll. Für den Nutzer ist es äusserst wichtig, in den verschiedenen sozialen Netzwerken(..) angemessen zu agieren. Zum Beispiel kann es sehr wichtig sein, einem Freund ‚Ich gratuliere’ zu sagen, wenn er ankündigt, einen neuen Job zu haben. Das ist ein besonderes Problem, da viele Nutzer sich vielen sozialen Netzen anschliessen.“

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Ein besonderes Problem? Ist es nicht normal, dass man einen Freund zu seinem neuen Job beglückwünscht? Nun ja, normal für den, der gewisse Anstandsformen kennt, der „bitte“ und „danke“ und „schön für dich“ zu sagen gelernt hat. Aber man muss genau lesen. Es geht nicht um Etikette. Es findet eine Verschiebung im Blick auf den Menschen statt. Die Patentschrift spricht von Verhaltensprotokollen. Man könnte auch von „Code“ reden. Und es sind primär Maschinen, welche gemäss dem Code von Protokollen – Programmen - laufen. Der Ausdruck verrät also das Bild, das sich die Algorithmentüftler vom Standard-User machen, nämlich das eines Code-determinierten Wesens. Es gibt heute fast für alles Codes: Konversations-Codes, Codes zum Geldverdienen, Aufsteigen im Job, Schreiben von Bestsellern, Finden von Sexpartnern. In diesem Sinn ist der User ja der Maschine sehr verwandt. Vergegenwärtigen wir uns nur, dass der soziale Verkehr schon heute stark abhängig ist von den Geräten, die man mit sich herumträgt. Das soziale Atom ist nicht mehr der Mensch, sondern Mensch-plus-Smartphone.

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Der logische Drive in der ganzen Entwicklung ist unschwer auszumachen. Wenn es schon Autos ohne menschliche Fahrer gibt, warum soll es dann nicht auch Kommunikation ohne menschliche Kommunikatoren geben?  Wie der Blog-Post von Google verkündet: „Allo hält deine Konversation mit einem einzigen leichten Fingerschlag in Gang, indem es Text- und Emoji-Antworten vorschlägt, die auf deine Person abgestimmt sind (..) Je mehr du also Google Allo verwendest, desto mehr ‚du’ werden seine Vorschläge.“ Die Maschine lernt, „mich“ zu sein. Das hat einen gruseligen Einschlag. Wie wenn sich in meiner Person etwas Fremdes einnistete. Gerne werden die neuen Apps als Spielzeuge verharmlost, welche vor allem Afficionados ansprechen. Das mag so sein, aber auf den Absatzmärkten dieser Spielzeuge etabliert sich insgeheim ein neues soziales Verhaltensrepertoire. Wir beobachten es bereits an der Sprache. In der Web-Community bürgert sich ein neuer Umgangston ein, ein auf verbalen Schnellschuss und Schlagabtausch eingestelltes Twitter-Pidgin. Ihm kommen Apps wie Allo zupass.

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Im Hintergrund nimmt ein anderes Problem Gestalt an, jenes des Delegierens. Technik heisst Delegation von menschlichen Fähigkeiten an Artefakte und Maschinen. Bis zur Entwicklung der modernen Computer beschränkte sich diese Delegation primär auf physische Tätigkeiten und Fertigkeiten. Nun rücken immer mehr die geistigen Vermögen in den Fokus der Rechner. Motivierend dabei sind sicher die Fortschritte in der kognitiven Computerforschung. Sie demonstrieren laufend, wie sich vormals allein dem Menschen zugestandene intellektuelle Kompetenzen nunmehr an Algorithmen „outsourcen“ lassen.

Beim Delegieren stellen sich immer die Fragen: Was und wieviel? Welche Fähigkeiten will ich abgeben und bis zu welchem Grad? Was ist mir wichtig? Man kann sich weiter fragen, ob nicht gerade die menschliche Kommunikation an Echtheit und Intimität in dem Masse verliert, in dem wir uns nicht mehr auf die emotionalen und intellektuellen Bedürfnisse unseres Ansprechpartners einlassen, sondern den Umgang mit ihm der automatisierten Phraseologie lernender Maschinen überlassen. Wir schalten sozial auf den Autopilot-Modus, und die Begegnung von leibhaften Personen verwandelt sich in die „Vergegnung“ von Netz-Phantomen – ein Ausdruck, den der Religionsphilosoph Martin Buber schon vor dem Internet geprägt hat. Das smarte Gerät ist unsere Bauchrednerpuppe.

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Spätestens hier vernimmt man den Einwand: Aber du musst ja nicht auf die computergenerierten Floskeln hören. Sie sind doch einfach ein weiteres Angebot in der technischen Wundertüte! Du hast die Wahl. Und du selbst bist verantwortlich für deine Sprachwahl, stamme sie nun von dir oder von deiner App!

Darauf lässt sich nur antworten: Schön wär’s! – Der Einwand verkennt zwei Punkte. Erstens gibt es ein Trägheitsgesetz menschlichen Verhaltens. Staffiert man eine Verhaltensweise genügend geschickt und häufig mit Anreizen aus, wird sie akzeptiert. Das bedarf eines gewissen psychischen Anschubaufwands. Hat sich aber die Verhaltensweise durchgesetzt, ist der Aufwand, sie zu ändern, grösser. Unser Verhalten zeigt eine Berharrenstendenz. Das weiss das Marketing längst. Es verkauft ja nicht einfach Apps, es verkauft Verhaltensweisen. Und dazu ist es wichtig, unser Urteilsvermögen und unseren Willen zur Veränderung zu sedieren.

Zweitens: Allo dient sich uns an als Mittel zum besseren Zeit-Management im Überfluss der Angebote online. Leicht unterliegen wir dabei dem Fehlschluss, den der Publizist Evgeny Morozov als „Solutionismus“ bezeichnet hat: Wir verwechseln die technische Lösung eines Problems mit dem Problem, das durch Technik überhaupt erst geschaffen worden ist. Es mag durchaus sein, dass automatisierte Kommunikation einen gewissen Schutzwall gegen das Anfluten von Nachrichten auf unseren Handys aufbaut. Aber dieses Anfluten kommt ja überhaupt erst durch den Handygebrauch zustande.

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Es geht letztlich nicht um Apps und anderen elektronischen Schnickschnack. Schauen wir uns die Situation einmal unter dem folgenden Gesichtswinkel an. Die Techno-Riesen reden uns ein: So tickt der Mensch! – Und sie liegen in dem Masse richtig, in dem wir uns dem Ticken ihrer Geräte anpassen. Wir erniedrigen uns selbst, indem wir eine anthropologische Prämisse akzeptieren, die den Menschen, wie wir ihn kannten oder zu kennen glaubten, verabschiedet: Wir sind im Kern repetitive, ergo prognostizierbare, ergo überwachbare Verhaltensapparate. Und wir akzeptieren die Prämisse stillschweigend dadurch, dass wir uns mit den Produkten der Techno-Riesen ausrüsten. Die Algorithmen, die sie entwerfen, dienen nur einem Zweck: dass wir unser Verhalten den Algorithmen unterwerfen. Wir kaufen also mit den Apps und ihren laufenden Updates nicht Technologie, die Technologie kauft uns. Willkommen als Versuchsratten in der weltumspannenden unsichtbaren Skinnerbox namens „Leben online“.