Sonntag, 11. September 2016

Jolly Good Fellows






WOZ, 18.8.2016



Über die Beglückung des Planeten

Glück ist heute ein pharmatechnologisches Produkt, ergo ein bewirtschaftbares Gut. Die Neurochemie rückt dem Unglücklichsein zu Leibe. Damit verwandelt sie vorab die Befindlichkeit einer Person in den Befund eines Organismus. Man sucht nicht primär nach Gründen für das Unglücklichsein, sondern nach Symptomen, die man mit neurochemischen Mitteln bekämpft. Ein solches Verständnis von Depressionen liegt natürlich ganz im Interesse einer mächtigen Industrie, für die der mentale Zustand des Menschen primär eine Quelle der Profitmaximierung darstellt. Nur keine falschen Pietäten! Zum Unglücklichsein gibt es keinen Grund, wenn ein gutes Pharmakon dagegen existiert.

Man kann eine Art von Mittel-Zweck-Umkehr feststellen. Traditionell hatte man es mit einer Krankheit zu tun, und man entwickelte ein Mittel dagegen. Neuerdings ist die Allianz von Wirtschaft und Medizin so mächtig, dass man sich fragen kann, ob Arzneimittel produziert werden, um Krankheiten zu behandeln, oder ob Krankheiten nun von den Arzneimitteln definiert werden, um einen entsprechenden Markt zu etablieren. Antidepressiva zum Beispiel kennt man seit gut einem halben Jahrhundert. Seither beklagen immer mehr Menschen depressive Symptome. In den USA soll es sich um gut einen Drittel der erwachsenen Bevölkerung handeln.

Die normative Macht des Pharmakons
Die Psychopharmaka werden nicht nur ständig verfeinert und verbessert, sie führen auch zu dem, was man die normative Macht des Medikaments nennen kann. Es definiert den Zustand der Normalität. Wenn man also über immer wirksamere Antidepressiva verfügt, dann ist es nicht „normal“, lange in depressivem Zustand zu bleiben. Man schluckt das Mittel, und wer das nicht tut, riskiert, als mental „gestört“ klassifiziert zu werden. Eines der massgebenden medizinischen Klassifikationssysteme – das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) – listet die Symptome solcher Gestörtheit auf. Der Leitfaden wird vom einflussreichen Fachverband der amerikanischen Psychologen -  der „American Psychiatric Association“ (APA) -  herausgegeben, dessen Budget sich zur Hälfte von der Pharmaindustrie speist. Im elfköpfigen Beratungskomitee der neuesten, der fünften Ausgabe des DSM sitzen acht Experten mit engen Beziehungen zur Big Pharma. Sie haben eine nicht unwesentliche Definitionshoheit über psychische Krankheiten. Angesichts immer wirksamerer Antidepressiva wie zum Beispiel Wellbutrin hat die APA befunden, mehr als zwei Wochen Unglücklichsein nach dem Tod eines nahestehenden Menschen sei nicht normal, sondern Symptom eines „gestörten“ Geisteszustands. Trauern wird also zum Gesundheitsrisiko.

Glück als Humankapital
Glück gehört zum Humankapital. Es ist ein Faktor der Selbstoptimierung, wie etwa auch Achtsamkeit (Mindfulness), digitale Entgiftung, kognitive Therapie, Stressreduktionstechniken. Glück kann, wie dies einer der Schöpfer des Begriffs des Humankapitals, der einflussreiche Ökonom Gary Becker, ausdrückte, „augmentiert“ werden. Beckers Theorie lässt sich als eine Art von ökonomischem Existenzialismus betrachten: Der Mensch ist das, was er in sich investiert. Erziehung zum Beispiel ist eine strategische Investition in sich selbst. Persönliche Beziehungen sind Wirtschaftverträge mit Kosten und Nutzen für die Partner. Auch Glück ist eine solche Investition: ein Asset, eine innere Kapitalanlage. Glück, so lautet das Mantra, kann man wählen. Coca Cola verwendet es in seiner Werbung: Open Happiness; mit der Flasche öffnest du das Glück. Nike schlägt die gleiche Richtung ein mit „Just do it“: Kauf es einfach und du wirst glücklich. Solche Botschaften sind branchenüblich scheinheilig. Sie gaukeln dem Konsumenten ein Happy-Go-Lucky-Leben und eine Entscheidungsfreiheit vor, die er im Grunde nicht hat. Ohnehin klingen solche Sprüche in einer Welt zunehmender ökonomischer Machtballung und Ungleichheit nur noch höhnisch: Du hast die Wahl - zwischen verschiedenen Formen von Abhängigkeit.

Chief Happiness Officer
Das Glück ist jedenfalls zu wichtig, um dem Zufall überlassen zu werden. Schlechte Stimmung schadet dem Geschäft. Ein glücklicher Arbeiter ist ein produktiver Arbeiter. Ein ganzer Berufsfächer von pfiffigen Glücksvermehrern hat sich geöffnet, die uns in jedem Weiterbildungskurs und Managementseminar aufzeigen, welch Glückspotenzial und -kapital in uns liegt und zu fördern wäre, koste es, was es wolle. Da ist zum Beispiel der Glückschef oder Chief Happiness Officer, kurz: CHO. Eine wachsende Zahl von Unternehmen beschäftigt solche professionelle „Jolly Good Fellows“, welche die Bude spirituell auf Vordermann bringen sollen. Bei Google war es bis vor kurzem der Software-Designer Chade-Meng Tan. Er bietet den Angestellten ein „mindfullness training“ an, das hilft, inneren Frieden und klaren Geist zu finden, um dadurch Stress und Negativität zu entgehen. Herr Tan hat sogar eine Suchmaschine für innere Zustände entwickelt: Search Inside Yourself (SIY).  Man findet mit ihr vor allem einen Rezepte-Mix aus Fernostweisheit und Resultaten aus der Forschung über emotionale Intelligenz. Einsichten aus dem Repertoire eines Grüssaugusts wie: Wann immer du jemandem begegnest, sollte dein erster Gedanke sein: Ich möchte, dass diese Person glücklich ist! Herr Tans Kurse erfreuten sich unter Google-Leuten einer solchen Beliebtheit, dass er sich nun einem höheren Ziel zuwendet. Für ihn ist SIY nicht weniger als ein Mittel, den Weltfrieden herbeizuführen. Wer will es ihm verargen, dass er auch auf den Nobelpreis schielt.

World-Happiness-Index
In den letzten Dekaden lag die menschliche Kognition im Fokus der Psychologen und Hirnforscher. Nun gewinnt die menschliche Emotionalität zunehmend an Bedeutung. Es ist die Rede von Bruttonationalglück oder vom World-Happiness-Index (auf dem die Schweiz nota bene den zweiten Platz hinter Dänemark einnimmt[i]). In dieser Bedeutungsverschiebung spiegelt sich durchaus auch ein Interesse am Wissen über die Manipulierbarkeit der Kunden, Patienten, Wähler, Sportler, Arbeitnehmer. Wie es scheint, lässt sich der Mensch über das Gefühl besser „anschubsen“ als über den Verstand. Wie also ihn beeinflussen, damit er das Gewünschte tut, ohne es zu merken? Das ist die Zentralfrage der „Schubser“: der Marktforscher, Politstrategen, Betriebspsychologen, ökonomischen Behavioristen. Für sie ist Glück der geschäftsfördernde Faktor par excllence, der Schlüssel zu Macht, Geld, Status. Und hier bricht ein tiefer Widerspruch auf.

Prekäre Arbeitsverhältnisse
Es ist kaum wegzudiskutieren, dass die globale ökonomische Dynamik auch weltweit zu einem psychischen Malaise führt. Millionen von Arbeitenden unter prekären Verhältnissen in den sogenannt entwickelten Gesellschaften fühlen sich unwohl, und sie möchten sich von „gutmeinenden“ Beratern und Glückstechnologen auch nicht zum Wohlfühlen überreden lassen. Wenn Frauen und Männer unter bestimmten Arbeits- und Lebensbedingungen nicht aufblühen, dann tun sie dies wahrscheinlich auch nicht, wenn man sie mit den wirksamsten Therapien und Pharmaka traktiert und vollpumpt. Dann stellt sich die Frage, ob wirklich das Individuum krank ist oder nicht vielmehr die Gesellschaft, in der es lebt und arbeitet. Anders gesagt: Mit dem psychologischen und psychotherapeutischen Blick auf das Glück riskiert man eine Aufmerksamkeitsverschiebung weg vom Sozialen und Politischen, und damit weg von wichtigen äusseren Mitursachen einer inneren Krise. Immerhin kennt man ja durchaus einige Arbeitsbedingungen, die das Glück nicht notwendig fördern. Man weiss zum Beispiel,  dass Arbeit, über die man keine Kontrolle hat, ziemlich unwohl macht und auch das Risiko zu Herzattacken erhöht. Unter solchen Bedingungen nimmt die Arbeitsmoral Schaden. Und auch die Wirtschaft. In den USA verursachen Krankheiten, häufiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz (Absentismus) oder auch unnötig langes Verharren am Arbeitsplatz (Präsentismus) Gesundheitskosten in der Höhe von 550 Milliarden Dollar.

Das gute Leben – eine Frage der Neurochemie?
Arbeitsmoral aber lässt sich nicht einflössen wie ein Aufputschmittel. Nach dem Börsencrash 2008 postulierten Psychologen, nicht das Finanzsystem sei das Problem gewesen, sondern die Gehirne der Börsianer. Die Wall Street soll unter den falschen Neurochemikalien kollabiert sein; zuviel Testosteron in zuvielen Traderhirnen, zuviel Koks in zuvielen Bankerhirnen. Angeblich hatte man auf der Basis von Hirnscans von Börsenmaklern ein Psychopharmakon entwickelt, welches zu effizienterer Entscheidungsfindung verhelfen sollte. Und dieses Mittel habe nicht richtig funktoniert. Man kann an einer solchen Vermutung zweifeln, ja, sie lächerlich finden, jedenfalls drückt sie die implizite Mentalität aus, dass sich auch elende soziale und politische Zustände durchstehen lassen, wenn man nur richtig gedopt ist. Und dahinter verbirgt sich die verführerische Tendenz unseres Zeitalters, die Frage nach dem guten Leben durch die Frage nach der richtigen Neurochemie zu ersetzen. Davor spannt man die zynische Logik: Wenn die herrschende Form des Kapitalismus den Bedürfnissen vieler Menschen nicht entspricht, dann muss man diese Menschen halt ändern, um den Bedürfnissen dieses Kapitalismus’ zu entsprechen. -

Etwas ist faul an der Weltbeglückung
Vielleicht sollte man vor dem Hintergrund der Weltbeglückung einen zweiten Blick auf die Frage werfen, ob denn Unglücklichsein immer als Krankheit oder Störung zu betrachten sei. Im Unglücklichsein steckt ja auch der Keim der Kritik, also eines Denkanlasses. Man fragt nach Ursachen, Gründen, nach Verantwortlichen, ja, Malefikanten. Unglücklichsein kann sich durchaus in kritischem Diskurs artikulieren, statt als Symptom wegbehandelt zu werden. Dazu muss eine Sprache entwickelt werden, die sich nicht in verhaltensökonomischer und neurochemischer Konditionierung erschöpft; die einem „Diskurs des Unglücklichseins“ Vorschub leistet: Analyse durch Denken, nicht Paralyse durch Wohlfühlen und Liken. Es gibt eine Menge von Autorinnen und Autoren, die an einer solchen Sprache arbeiten. Um hier nur ein paar zu nennen: Joseph Stiglitz mit „Der Preis der Ungleichheit“; Richard Wilkinson und Kate Pickett mit „Gleichheit ist Glück“, Tim Kasser mit „The Price of Materialism“ und neuerdings Will Davies mit „The Happiness Industry“.

There is no alternative – wirklich?
Das herrschende Wirtschaftssystem kann Unglücklichsein nicht dulden. Die Ausmerzung dieses Zustands gehört deshalb zur systemerhaltenden Aufgabe. Mit der Bewirtschaftung des Glücks absorbiert der Kapitalismus gleich auch die Kritik an ihm. Im Kern haben wir es also mit einem fundamentalen Problem zu tun. Für nicht wenige Verfechter des vorherrschenden Wirtschaftssystems – nennen wir es der Einfachheit halber das neoliberale - sind alle entscheidenden Fragen bereits beantwortet. Die Regeln des ökonomischen Spiels werden als Quasi-Naturgesetze interpretiert. Das erinnert an die Lage vor fünfzig Jahren, als Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch“ schrieb. Diese Eindimensionalität hat sich nunmehr verfestigt zum Axiom: Es gibt kein anderes System – there is no alternative. Wirtschaftsleute und Politiker beten unablässig dieses Mantra herunter, wie einen Gegenzauber, der sie vor dem schützt, was sie am meisten befürchten: dass nämlich die Menschen ihr Unglücklichsein nicht als Geistesstörung begreifen, sondern als Gestörtheit des ökonomischen und politischen Systems. Unter dem Glücksimperativ – sei er kapitalistisch oder wie auch immer geartet – missglückt uns jedenfalls das Leben.




[i]    http://www.sciencealert.com/the-world-happiness-index-2016-just-ranked-the-happiest-countries-on-earth