Sonntag, 14. August 2016

Offenbarungsglauben als Wurzel der Gewalt




Das Problem mit der Offenbarung
Wenn junge Muslime einen französischen Priester abschlachten und dabei „Allahu akbar“ schreien, dann vernimmt man regelmässig die Beschwichtigungsformel, es handle sich um Gräueltaten von Verlierern, Irregeleiteten oder psychisch Gestörten, also um eine Anomalie der Religion. So spricht zum Beispiel der mit allen Wassern gewaschene muslimische Meinungsmacher Tariq Ramadan vom „reinen Verrat an unserer Religion“. Man hört die Botschaft wohl, allein es fehlt der Glaube. Die Häufung solcher Taten lässt durchaus die Frage aufkommen: Liegt Gewalt in der „Wurzel“ des Offenbarungsglaubens? Und schiesst sie gerade deshalb im Radikalismus so grässlich hervor?

Die drei grossen monotheistischen Religionen sind Offenbarungsreligionen. Sie beanspruchen, dass ihre Lehren von Gott selbst dem Menschen verkündet worden seien. Und sie verlangen, dass diese Lehren von allen akzeptiert werden. Sie sind intrinsisch missionarisch. Eine Religion aber, die im Auftrag Gottes vermittelt wird, hat zwei fundamentale Probleme. Erstens: Wie wissen wir, dass sie von Gott stammt? Zweitens: Was tun mit jenen, die daran zweifeln; wie mit dem Irrtum und mit den Irrenden umgehen? Kann es überhaupt religiösen Irrtum geben? Alle drei führenden monotheistischen Religionen haben in verschiedenen Stadien ihrer Geschichte diese Frage gestellt und oft mit Gewalt unterdrückt.

Platz für den Irrtum
Die wissenschaftliche Neuzeit ist geprägt und getrieben von einer säkularen Neugier; von etwas also, das im Mittelalter als Vanitas galt. Und in dieser Haltung verharrt ein Grossteil des Islams heute noch. Eine Religion aber, für die alles Wissen bereits in einem geoffenbarten Text steht, kann keinen Fortschritt durch die Entfaltung der Neugier dulden. In ihrer Logik gibt es nur die „richtige“ Auslegung der heiligen Schrift. Alles andere ist bodenloser Irrtum. Und der gehört ausgerottet.

Man muss sich die fundamentale erkenntnistheoretische Differenz klar vor Augen führen. Für die Wissenschaft ist der Irrtum der Grundmotor; für die Religion das Grundübel. Dazwischen spielen sich existenzielle Dramen ab. Wir kennen solche Dramen aus der Geburtstunde der wissenschaftlichen Neuzeit, bei Philosophen wie Montaigne oder Pascal. Montaigne „sprang“, da er sah, dass es keine letztgültige Begründung unseres Wissens gibt, in den Glauben. Ebenso Pascal, von Zweifeln zerrissen. Selbst Descartes berief sich auf Gott, der die Gewissheiten des „natürlichen Lichts“ der Vernunft garantiert. Aber hier zeichnet sich auch eine entscheidende Hinwendung zur Säkularisierung der Vernunft ab. Sie mag ein göttliches Geschenk sein, aber was wir dank ihres methodischen Leitfadens erreichen, muss menschlich prüfbar sein, ist, wie Descartes sagt, von „moralischer“ Gewissheit, also fehlbar. Das war die Geburtstunde des wissenschaftlichen Irrtums. Er sollte bald auch das Studium der heiligen Schriften infizieren, denn ein gewisser Baruch Spinoza stellte die häretische Frage, ob wir uns denn nicht auch in der Textinterpretation irren könnten. Er wurde mit dem „herem“, dem schärfsten jüdischen Bannspruch belegt, der bis zur Stunde nicht aufgehoben ist.

Ambiguitätstoleranz
Die Irrtumsfähigkeit ist nicht auf die europäische Kulturgeschichte beschränkt. In der Tat existierte sie schon länger in der islamischen Tradition. Der deutsche Islamwissenschafter Thomas Bauer spricht in diesem Zusammenhang von Ambiguitätstoleranz. Es gibt nie nur eine einzige Sicht auf ein Phänomen, ein Objekt, eine Norm, eine Lebensform, eine Doktrin, einen heiligen Text. „Im Grunde sind alle wichtigen Bereiche des klassischen Islams das Ergebnis eines Kompromisses zwischen einander widerstreitenden, einander zunächst feindlich gegenüber­stehenden Diskursen,“ schreibt Bauer. Das „Bemühen, Ambiguität zu bändigen, nicht aber zu beseitigen“ charakterisiere die arabisch-islamische Kultur und Wissenschaft der Blütezeit. So betrachtete zum Beispiel der Korangelehrte Ibn al-Dschazari im 15. Jahrhundert die Deutungsoffenheit des Korans als Gnade Gottes. Das heilige Buch, sei „ein gewaltiges Meer, in dem man nie auf Grund stösst und nie durch ein Ufer zum Halten gebracht wird“. Eindeutigkeit im Verständnis erschien ihm weder möglich noch erstrebenswert.

Blütezeit und Frühling sind vorbei
Es genügt aber heute nicht mehr, stets eine Blütezeit und gute Anlagen in der islamischen Tradition zu beschwören. Tatsache ist, dass diese Zeit längst hinter uns liegt und der Islam gegenwärtig hässliche Sumpfblüten der Gewalt hervortreibt. Mehr denn je zuvor schuldet uns also eine Religion, in deren Namen solche Verbrechen verübt werden, eine auf die Gegenwart, und nicht auf eine goldene Vergangenheit zurückbezogene Erklärung, warum sie immer wieder zur Gewaltrechtfertigung missbraucht wird. Und zum unschönen Teil einer solchen Erklärung gehört meines Erachtens, dass ein Gewaltpotenzial in der Logik der Offenbarungsreligionen steckt. Es fehlt ihnen, um es auf einen provokativen Punkt zu bringen, ein Diskurs, der mit Irrtümern und abweichenden Interpretationen der heiligen Texte umzugehen erlaubte. Ein solcher Diskurs bedeutet, anders gesagt, dass man den Wert der freien Glaubensausübung dem Wert der friedlichen Koexistenz in einem säkularen Rahmen unterordnet. In diesem Rahmen haben geoffenbarte Wahrheiten und Gebote keinen Anspruch auf öffentliche Verbindlichkeit oder Diskurshoheit. Erheben sie ihn, dann sind sie unmissverständlich in der Rahmen des Privaten und Persönliche zu verweisen. Offenbarung hat in der Politik nichts zu suchen.

Ethischer Fortschritt heisst Toleranz für den Irrtum

Das Heimtückische in der Logik jeder Offenbarungsreligion liegt darin, dass sie aufs Ganze geht; und wenn es ums Ganze geht, entscheidet keine neutrale Instanz, kein Drittes. Oder vielmehr: dieses Dritte liegt ausserhalb menschlicher Reichweite, es ist der Gott, an den man glaubt. Ende der Debatte. Und hier manifestiert sich der tiefe Unterschied zwischen Gesellschaften, die ihre Fundamente auf religiösen, und Gesellschaften, die ihre Fundamente auf säkularen Boden setzen. Für Letztere gibt es ein Drittes in menschlicher Reichweite: den Irrtum. Er ist die Quelle der Toleranz. Somit ein Markstein ethischen Fortschritts. Und genau hier hinken Offenbarungsglaube und Unfehlbarkeitsanspruch, seien sie christlich, jüdisch oder islamisch, der Moderne hinterher.