Donnerstag, 28. Januar 2016

„Ein Streichholz, das der Mensch eben erst angezündet hat..“





Aus dem Manuskript zu meinem neuen Buch "Die Welträtsel sind nicht gelöst"


Wir wissen nicht, was wir nicht wissen. Endliche Geister, die wir sind, werden wir immer unvollständig informiert bleiben über unsere Grenzen und Unvermögen. Wenn unser Geist zur Natur gehört – und davon gehe ich hier aus -, dann folgt aus seiner Begrenztheit auch die Begrenztheit der Naturerkenntnis. Man kann es – so sie denn eine hätte - als Ironie der Natur sehen, dass sie mit dem Auftauchen der Intelligenz für ihre eigene restlose Unerkennbarkeit gesorgt hat. Isis, die Göttin der Natur, lässt sich nicht entschleiern.

Das Auftauchen der forschenden Intelligenz revolutioniert die Welt. Denn plötzlich gibt es Raum für Selbstbewusstsein in der Ordnung der Dinge. Und dieses Selbstbewusstsein führt unter uns Menschen zum Bewusstsein der kognitiven Bedingungen – also auch potenzieller Grenzen - von Erkenntnis. Intelligenz kann sich selbst nicht vollständig  begreifen. Dazu müsste sie ja intelligenter sein als sie selbst. Sie kann sich vielleicht mit künstlicher Intelligenz aufrüsten, aber dann stünde diese Intelligenz-plus-Technologie wiederum vor dem gleichen Problem. Jede noch so entwickelte Hyperintelligenz müsste einen Rest an Unerkennbarem hinterlassen.

Bei diesem Rest handelt es sich nicht um Dinge, die (uns) noch unbekannt sind. Es geht hier nicht um das Abstecken von Terrain, welches der Wissenschaft prinzipiell unzugänglich wäre. Was sich wissenschaftlich fragen lässt, lässt sich auch wissenschaftlich beantworten – positiv oder negativ. Es geht sozusagen um das Dispositiv des Fragens. Dieses Dispositiv kann man sich als Lichtkreis vorstellen, in dem der notorische Betrunkene seinen Schlüssel sucht. Wenn wir unsere Intelligenz mit dem Lichtkreis vergleichen, dann besteht durchaus die Zuversicht, dass wir den Lichtkreis fortgesetzt erweitern und immer mehr Schlüssel darin finden können. Selbst der Schlüssel zu unserer Intelligenz – die neurobiologische Substruktur – wird  erkennbar. Nur nicht die Intelligenz selbst ...

Herbert G. Wells hat das einmal in einem äusserst einprägsamen Bild beschrieben: „Die Wissenschaft ist ein Streichholz, das der Mensch eben erst angezündet hat. Er dachte, er sei in einem Raum – in Momenten der Andacht, in einem Tempel -, und dass sein Licht auf Wände mit Inschriften wundersamer Geheinisse falle und auf Säulen, in die philosophische Systeme eingemeisselt seien, die ein harmonisches Ganzes ergeben. Es ist eine seltsame Erfahrung, nun, da das Licht aufgehört hat zu flackern und mit klarer Flamme brennt, wie es seine Hände erhellt und ein kleiner Teil seiner selbst und des Fleckens sichtbar wird, auf dem er steht, und um ihn her, statt all der Schönheit und des Trostes, die er glaubte, erwarten zu dürfen, noch immer – Dunkelheit.“


Man muss sich, im Gegensatz zu Wells, dieses Dunkel nicht „unschön“ und „trostlos“ vorstellen. Es ist das Geheimnis, das notwendig das Licht umhüllt und ihm seine Kraft verleiht. Und unseren Erkenntnishunger nicht stillt.