Freitag, 16. Dezember 2016

Wieviel Dummheit verträgt Demokratie?






Etwas andere Version erschienen in NZZ, 10.12.2016

Demokratie ist recht besehen ein überaus erstaunliches Phänomen, schon fast ein Wunder. Es erinnert an das, was man in der Komplexitätsforschung Emergenz nennt. In meinem Hirn sind Millionen von Neuronen aktiviert und tanzen nach einer undurchschaubaren Choreografie, und – bing – „emergiert“ daraus mein Zorn über einen bestimmten Politiker. Millionen von Stimmbürgern entscheiden sich individuell für eine politische Sache, oft aus undurchsichtigen und eigennützigen Gründen, meist auch, ohne ausreichend über die Sache informiert zu sein, und – bing – aus der Kakophonie der Einzelstimmen „emergiert“ die Vox populi. Und was wirklich verblüfft: Oft resultiert ein recht vernünftiger Kollektiventscheid, wie xenophob, sexistisch, rassistisch, wutgetrieben oder schlicht dumm der individuelle Entscheid auch sein mag. Wie kann das so vertrackte und schwerfällige Gebilde Demokratie „vernünftig“ sein? Politiker nehmen dies gern zum Anlass, vom „weisen Volkswillen“ zu schwadronieren. Unter Ökonomen ist auch die „Schwarmintelligenz“ ziemlich in.

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Aber das ist bestenfalls Metaphorik, schlimmstenfalls populistische Metaphysik. Sie erzeugt nur den Schein einer Erklärung. Tatsächlich stellen Sozial- und Politikwissenschafter heute vermehrt die Frage, ob denn die Demokratie das passende politische System zur Lösung der akuten Probleme bereithalte. Und zwar setzt die Frage direkt beim Bürger an: Gibt es den wohlüberlegenden, wohlinformierten - den rationalen Wähler? Und wenn nicht, ist dann eine demokratische Wahl oder Abstimmung wirklich etwas anderes als ein mehr oder minder gut beratenes Multiple Choice? Und Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon auf diese Weise gewählt?

Es gibt ja durchaus spektakuläre Gegenbeispiele zur „Weisheit“ des Volkswillens, etwa den Brexit-Entscheid oder die Wahl des neuen Präsidenten der USA. Sie scheinen die These des Ökonomen Bryan Caplan zu bestätigen: Der „rationale Wähler“ ist ein Mythos (Bryan Caplan: The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies, 2007). Gewiss ist es ein stolzes Recht, seinen Stimmzettel in die Urne zu werfen. Aber mit diesem Recht kontrastiert die Macht des Durschnittswählers, den Gang der Dinge zu beeinflussen. Und die erweist sich auch in einer Demokratie als gering. Und gerade aufgrund der extrem kleinen Chance sehen nicht wenige Wähler in der Stimmabgabe vor allem die Gelegenheit, ihrer Ohnmacht und Frustration Ausdruck zu verleihen. Die Ohnmacht des Wut-Wählers ist der ideale Brennstoff für den Machtwillen des politischen Hitz- und Hetzkopfs.

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Wenn es den „rationalen Wähler“ nicht gibt, dann gibt es zumindest den „rationalen Lenker“. Zumindest ist das die Meinung des politischen Philosophen Jason Brennan, der gerade ein Buch mit dem sprechenden Titel „Against Democracy“ publiziert hat. Das Brexit-Referendum war „undemokratisch“, so Brennan, weil es den Bürger mit seinem Wissensstand – mehrheitlich - überforderte. Brennan sieht hier allgemein ein Defizit von Demokratien: Sie setzen eine nicht existente Kompetenz beim Durchschnittsbürger voraus. Und mit dieser These befindet er sich in langer Tradition, die zurückreicht bis zu Platons „Staat“. Der Durchschnittsathener, so Platon, ist träge, lasterhaft, zerstreut. Der demokratische Bürger lässt sich in seiner Freiheit von so vielen Einflüssen treiben, dass seine politische Stimme eigentlich eine Zufallsstimme ist. Platon zeichnet geradezu eine Psychopathologie der demokratischen Freiheit, in welcher der Bürger in seiner Orientierungslosigkeit und Verwöhntheit zwangsläufig „reif“ wird für die Tyrannis. Die Lösung sieht Platon in einer Herrschaft der wissenden Elite – damals der Philosophen - : in einer Epistokratie. Und eine solche epistokratische Therapie verschreibt Brennan den heutigen Demokratien.

Wir kennen schon lange den Ruf nach Politikmanagern, welche die akuten Probleme effizient lösen. Aber dahinter steckt natürlich die nun selbst äusserst fragwürdige Annahme, dass mehr Wissen auch automatisch mehr politische Autorität und Kompetenz verleihe. Die Idee, das Geschick einer Gesellschaft einer Elite zu überantworten, die „weiss“, was gut ist, und nur das Beste für uns will, führt geradewegs in eine Despotie der Wohlmeinenden.  „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt." – (Der Spiegel, 27. Dezember 1999). Aber schon Immanuel Kant meinte, eine Regierung, die ihr Volk so behandelt wie ein Vater seine unmündigen Kinder, die nicht wüssten, was für sie nützlich oder schädlich sei, wäre „der größte denkbare Despotismus” (Über den Gemeinspruch).

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Zentral in einer digitalisierten Demokratie ist die Informationsbeschaffung. Von ihren Techniken hängt die Meinungsbildung wesentlich ab. Aber die politische Entscheidungsfindung hinkt dem Kurs und Tempo des technischen Fortschritts hinterher. Im gegenwärtigen Big-Data-Boom beginnt auch die Wissenschaft den politischen Entscheidungsprozess zunehmend als Informationsverarbeitung zu konzipieren. Die Differenz der politischen Systeme erscheint in dieser Optik als Differenz der Sammel- und Analyseprozeduren von Daten. Diktaturen favorisieren zentralisierte Prozeduren, Demokratien verteilte. Der Historiker Yuval Noah Harari vertritt in seinem neuen Buch „Homo deus“ (2016)  die These, der Kalte Krieg sei vom Kapitalismus gerade deshalb gewonnen worden, weil dieser den Technologien der verteilten Informationsverarbeitung zum Durchbruch verholfen habe. Das erscheint dick aufgetragen, aber richtig daran ist immerhin so viel, dass man den Vorgang der Demokratisierung einer Gesellschaft durchaus als Schritt in Richtung der Informatonsverteilung charakterisieren könnte.

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Genau in diesem Schritt steckt allerdings eine Tücke der Demokratisierung. Wieviel Verteilung der Information verträgt sie? Die Frage erhält im Kontext der Social Media einen geradezu dramatischen Unterton. Information wird ja nicht bloss verteilt, sie wird ausgegossen in einer nie dagewesenen Flut, in der wir uns kaum noch zu orientieren vermögen. Gerade die amerikanischen Präsidentschaftswahlen haben uns demonstriert, wie das Netz überspült wird von viralem Bullshit. Es gibt eine regelrechte Industrie von „hoax news“, also von Jux- und Falschnachrichten. Wie unterscheiden wir zwischen wahren und falschen News? Wir unterscheiden nicht. Wir filtern. Wir tendieren im Netzdiskurs dazu, Nachrichtenströme durch den Passevite unsere Voreingenommenheiten zu drehen. Und nichts verbreitet sich im Netz so effizient wie Geschichten, welche die eigene Voreingenommenheit bestätigen. Übrig bleibt, was wir „immer schon wussten“, will sagen: eigentlich nicht wissen oder wissen wollen.

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Ist das ein Argument gegen die Demokratie? Im Gegenteil, ein Appell, Demokratie, ja, Politik neu zu denken. Demokratieverdruss ist Verdruss über eine politische Realität, die eigentlich nicht mehr viel mit der Res publica zu tun hat; in der suprastaatliche Akteure wie Globalkonzerne, Banken, Investoren, Rating-Agenturen immer mehr partikulare Handlungs- und Entscheidungsmacht an sich reissen und Regierungen nicht selten zu Erfüllungsgehilfen degradieren. „Postdemokratie“ nannte der englische Soziologe Colin Crouch dieses Szenario schon vor über zehn Jahren.

Immer mehr Bürger demokratischer Staaten nehmen ein elementares Defizit wahr: sie wählen Vertreter, welche ihre Interessen nicht vertreten. Der Schluss daraus ist einfach: Wir vertreten uns selber! – Das muss nicht die Abschaffung der Institutionen der repräsentativen Demokratie bedeuten, vielmehr ein Aufbrechen ihrer Selbstverständlichkeiten. Dazu gehört zum Beispiel der „blinde Glaube auf den Urnengang“. Die Formulierung stammt aus dem kürzlich erschienenen Buch des belgischen Schriftstellers David Van Reybroeck „Gegen Wahlen“ (2016). Seine Idee: Erweiterung des herkömmlichen repräsentativen Systems zu einem „birepräsentativen“, in dem die Bürgerinitiative und ähnliche „Bottom-up“-Bewegungen ein stärkeres Gewicht in den politischen Entscheidungsprozessen erhielten.

Neu ist diese Idee ja nicht – auch nicht unumstritten. Denn damit lässt sich das Gebräu im populistischen Giftkessel famos am Köcheln halten. Aber den Kerngedanken darin sollten wir ernst nehmen: Demokratie braucht den Glauben an die lokale Wirkung, weniger abstrakt: an Das-Leben-in-die-eigene-Hand-nehmen. In einer Zeit globaler Unübersichtlichkeit will man sehen, was die eigene Entscheidung bewirkt, und das geschieht im Kreis von Bekannten, Nachbarn, Quartierbewohnern, in der urbanen Umgebung, kurz: im Lokalen. Eignung für Demokratie ist das eine, Lust an der Demokratie das andere. Und diese wächst auf dem Boden der lokalen „Polis“.

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Das hat nichts mit dem Volk zu tun. „Das“ Volk gibt es nicht, es gibt Menschen und Menschengruppen, einheimische und fremde, gebildete und weniger gebildete, junge und alte, intergrierte und marginalisierte – Menschen, die ihre bestimmten Interessen vertreten und im friedlichen Widerstreit eines heterogenen Miteinanders leben. Ein Ideal, zugegeben. Aber diesem Ideal nachzuleben, gehört zur Essenz der Demokratie. Demokratie ist eine Fiktion, die wir zu realisieren suchen, sagt der Philosoph Charles Taylor. Vom „Volk“ oder gar von „Volksnähe“ zu reden ist dagegen unbekömmliche Metaphysik, die mit der Demokratie nur Schindluder treibt.


Samstag, 8. Oktober 2016

Zombie-Ideen




NZZ, 30.9.2016

Warum falsche Vorstellungen nicht aussterben

Für viele, sich fortschrittlich dünkende Menschen stellt die Wissenschaftsgeschichte so etwas wie eine Leiter dar, auf der wir immer höher steigen, dabei Aberglauben und Ignoranz hinter uns lassend. Astronomie hat die Astrologie abgeworfen, so wie die klassische Mechanik die aristotelische Bewegungslehre, die Chemie die Alchemie, die Physiologie die paracelsische Pharmakologie oder die Neurologie die Psychologie. Dadurch, dass wir Ideen falsifizieren, kommen wir der Wahrheit ein Stück näher, lehrte der Philosoph Karl Popper.

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Stimmt das? Sofort bietet sich eine Handvoll Gegenbeispiele an: Viele Leute glauben heute noch an eine flache Erde, Exorzismus, Astrologie, Kreationismus, okkulte Heilkräfte der Steine. Man könnte diese Epidemiologie des Aberglaubens fast ad libitum fortsetzen. Soll man einfach sagen, diese Leute seien töricht und unbelehrbar? Das wäre nun selber töricht. Einer der grössten Physiker des letzten Jahrhunderts, Niels Bohr, antwortete einmal auf die Frage, ob er an das Hufeisen über seiner Haustür glaube: „Natürlich nicht. Aber wissen Sie, es soll auch nützen, wenn man nicht daran glaubt.“ Ob er dies ernst meinte, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das Beharrungsvermögen alter, überständiger Ideen eine feststellbare Tatsache. Und es hat mehrere Gründe. Zunächst einen kognitiven. Wir leben in einer zunehmend komplexeren Welt. Die wissenschaftlichen Theorien, die uns das Geschehen erklären, wachsen uns über den Kopf in immer abstraktere Höhen. Sie sind selbst für Eingeweihte oft kaum mehr verständlich. Sie gewähren uns keine kognitive Heimat.

Betrachten wir zum Beispiel das Horoskop. Es ist auch im Zeitalter der wissenschaftlichen Prognose weit verbreitet und beliebt. Vielleicht gerade deshalb, weil es einer Epoche entstammt, in der man an die Verknüpfung des menschlichen Schicksals mit dem Gang der Sterne glaubte. Das Universum der Astrologie ist kein physikalisches, sondern ein hermeneutisches: voller deutbarer Zeichen. Der Himmel geht mich hier „persönlich“ etwas an, er „sagt“ mir etwas. Ich fühle mich „zuhause“, anders als im kalten, trost- und sinnlosen Universum der Astrophysik. Wir wissen zwar heute, dass es solche astralen Verknüpfungen nicht gibt, aber wir glauben nicht, was wir wissen! – Ich nenne dies das Wissensparadoxon.

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Ein anderer Grund für das Überleben falscher Ideen liegt in der „Provinzialität“ unserer Alltagserfahrung. Unsere Rede von Aufgang und Untergang der Sonne ist „provinziell“. Wir haben ja durchaus die Botschaft des Wissens vernommen, dass dies der Standpunkt eines überwundenen geozentrischen Weltbildes sei, aber uns fehlt der Glaube. Unsere Intuition, die sich vor allem an Alltagssituationen orientiert, teilt uns wenig über die Rotation der Erde oder die Gekrümmtheit der Erdoberfläche mit. Es braucht schon ein bisschen Überlegung und genaue Beobachtungsgabe. Je mehr sich unsere Theorien von diesen Alltags-Intuitionen entfernen, desto mehr verlangen sie eine Adaptation unserer Gehirne an die ungewohnten Situationen.

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Hinzu tritt der Autoritätsglaube. Wir hören das Echo von Max Plancks berühmtem Diktum: „Irrlehren der Wissenschaft brauchen 50 Jahre, bis sie durch neue Erkenntnisse abgelöst werden, weil nicht nur die alten Professoren, sondern auch deren Schüler aussterben müssen.“ Ein schönes Beispiel liefert der Fall der notorischen „Zungenkarte“. Der deutsche Physiologe David Paul Hänig fand zu Beginn des letzten Jahrhunderts heraus, dass die Zunge Geschmackszonen aufweist. Die elementaren Geschmacksqualitäten würden an entsprechenden Stellen mit „geringfügig“ verschiedenen Intensitäten empfunden: süss an der Zungenspitze, bitter an der Zungenwurzel, sauer und salzig seitwärts. Hänigs Buch wurde in den 1940er Jahren vom angesehenen amerikanischen Psychologen Edwin G. Boring ins Englische übersetzt, nur erachtete es dieser als hilfreicher, anstelle von Hänigs Diagrammen eine einfache und eingängige Karte der Geschmackszonen zu erstellen, wobei er verschwieg, dass die Unterschiede eigentlich „geringfügig“ seien. Die Zungenkarte war geboren, ein Bestandteil der Lehrbücher bis in die 1970er Jahre. Boring dixit, ergo verum est!

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Falsche Ideen können auch immun gegenüber der Wirklichkeit sein, weil sie die Wirklichkeit überhaupt erst schaffen helfen. Zum Beispiel die ökonomische. Nach der globalen Finanzkrise listete der australische Wirtschaftswissenschafter John Quiggin fünf „Zombie-Ideen“ auf, die nun eigentlich hätten beerdigt werden müssen. Insbesondere die sogenannte Markteffizienzhypothese, die in einer Version besagt, dass die im Finanzsektor generierten Preise das optimale Kriterium zur Abschätzung einer jeglichen Investition darstellen, weil alle Information bereits in den Preisen enthalten ist. Genau dies wurde durch die Krise falsifiziert. Aber die Hypothese war, so Quiggin, „zu zweckdienlich, um einfach aufgegeben zu werden.“ Too big to fail, auch bei Ideen.

Ein kleines wissenschaftstheoretisches Lehrstück ist zumal die Verteidigungsstrategie der Advokaten der Hypothese. Sie erinnert an das Giftorakel, das der Kulturanthropologe Edward E. Evans-Pritchard in den 1920er Jahren bei den Zande in Zentralafrika beobachtet hatte. Um eine Antwort auf eine schwierige Frage über die Zukunft zu erhalten, gibt der Wahrsager einem Huhn Gift. Je nachdem, ob das Huhn überlebt, trifft die Voraussage zu oder nicht. Die Kraft des Orakels wird nicht angezweifelt. Liegt es falsch, dann greift man zu dem, was Evans-Pritchard „sekundäre Elaboration“ nennt. Man erfindet Zusatzhypothesen, vulgo: Ausreden. Zum Beispiel hat man nicht die richtige Substanz verabreicht, ist sie alt und verdorben, spielt Hexenzauber hinein oder ist der Wahrsager schlicht inkompetent. Durch sekundäre Elaboration behauptet sich letztlich jeder Mumpitz.

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Sind wir aufklärungsresistent? Hier könnten neuere Beobachtungen Aufschluss geben, die von den Kognitionspsychologen Andrew Shtulman und Joshua Valcarel vom Occidental College, Los Angeles, gemacht worden sind. Sie konfrontierten naturwissenschaftlich unterrichtete Studenten mit einer Reihe von Aussagen aus diversen Fächern, deren Wahrheitsgehalt sie möglichst schnell und intuitiv einschätzen mussten. Die Studenten neigten oft zu älteren, überwundenen Ideen, obwohl sie eines „Besseren“ belehrt worden waren. Shtulman und Valcarel kommen zum Schluss: „Wenn Studenten wissenschaftliche Theorien lernen, die früheren, naiven Vorstellungen widersprechen, was geschieht dann mit diesen früheren Ideen? Unsere Resultate legen nahe, dass naive Theorien durch wissenschaftliche Theorien verdrängt, aber nicht ersetzt werden.“ Wir lernen Neues, aber verlernen Altes nicht.

Der Psychologe Kevin Dunbar von der University of Maryland untersuchte die intuitiven Physikkenntnisse von Studenten genauer. Dabei stellte er fest, dass viele der Befragten „überwundenen“ Ansichten zuneigten, etwa jener von Aristoteles, wonach schwere Kugeln schneller fallen als leichte. Eine Ansicht, die Galilei in einem berühmten Gedankenexperiment ad absurdum führte. Warum also lassen uns solch „absurde“ Vorstellungen nicht los? It’s the brain, stupid! Die wissenschaftliche „Zurückgebliebenheit“ lokalisierte Dunbar im dorsolateralen präfrontalen Cortex, einem Areal, das sich bei Heranwachsenden erst spät entwickeln soll. Es spiele eine entscheidende Rolle im Verdrängen von ungewollten, ungewohnten Ideen. Physikstudenten müssten, so Dunbar, ihren dorsolateralen präfrontalen Cortex bemühen, um ihre naiven „aristotelischen“ Vorstellungen zu unterdrücken und auf diese Weise zu reifem physikalischen Denken zu gelangen.

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Diese Erkenntnis suggeriert ein anderes Bild als jenes der Leiter. Alles Wissen ist geschichtlich, das heisst, es gleicht einem Stück Erdboden mit seinen sedimentierten Schichten; zuoberst unsere eigene rezente Epoche, darunter frühere Lagen.

In ihnen liegen die Wissens-Residuen aus alter Zeit bewahrt. Wir mögen sie als Überreste eines vorwissenschaftlichen Denkens bezeichnen, aber im Sedimentmodell des Wissens gewinnen sie eine vitalere Bedeutung: Sie bilden den Grund, auf dem unser Wissen in immer luftigere und abstraktere Höhen hinaufwächst. Sie sind der notwendige geistige Humus solchen Wachstums. In ihm stecken gewiss viele Denkleichen, die besser beerdigt blieben; aber aus ihm stossen immer wieder einmal Triebe an die Oberfläche, erwachen zu neuer Blüte. Ideen, welche die Vorsokratiker als reine Denkübung erwogen – die Atomhypothese oder die Viele-Welten-Theorie –, lagen Jahrtausende begraben, bis sie in den Schichten des 20. Und 21. Jahrhunderts zu physikalischer „Seriosität“ erwachten.

Oder betrachten wir das Beispiel der Homöopathie, die schon lange als Disciplina non grata verschrien ist. Besonders die Idee eines „Wassergedächtnisses“ hat in letzter Zeit an Aufmerksamkeit gewonnen vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir mit Wasser eine banale und vitale Substanz vor uns haben, die aber noch lange nicht genügend erforscht ist. Sie manifestiert einen überwältigenden Reichtum von Molekülstrukturen: Cluster. Das hat Chemiker und Informationstheoretiker auf den Gedanken der strukturellen Informationsübertragung gebracht: Wenn nicht die Zusammensetzung, sondern die Struktur einer Substanz ihre Eigenschaften ausmachen, dann könnte es ja sein, dass die homöopathische Lösung quasi die strukturelle Information – den „Geist“ - des Heilmittels „eingeprägt“ erhält, selbst wenn sie kein einziges Molekül der heilenden Materie mehr enthält.


Das ist nun allerdings ein höchst spekulativer und theoretisch nicht ausgeführter Gedanke. Und es bestehen grosse Zweifel, dass er Licht in die Black Box des Schüttelns und Verdünnens von homöopathischen Elixiren bringt. Es hilft hier auch nicht der Hinweis weiter, dass die Wirksamkeit bisher weder endgültig bewiesen noch widerlegt werden konnte. In solchen Fällen dürfte ein durchdachtes Mass an „Orthodoxie“ angebracht sein: Die Wirksamkeit von chemischen Mitteln hat sich auf so vielen Feldern bestätigt, dass es vielleicht doch an der Zeit wäre, die homoöpathische Idee endgültig zu begraben. Eine einfache erkenntnistheoretische Lektion erteilt sie uns dennoch: Sagen wir niemals vorschnell, eine Idee sei gestorben. Totgesagtes lebt vielleicht gerade in der Wissenschaft am längsten.

Sonntag, 11. September 2016

Jolly Good Fellows






WOZ, 18.8.2016



Über die Beglückung des Planeten

Glück ist heute ein pharmatechnologisches Produkt, ergo ein bewirtschaftbares Gut. Die Neurochemie rückt dem Unglücklichsein zu Leibe. Damit verwandelt sie vorab die Befindlichkeit einer Person in den Befund eines Organismus. Man sucht nicht primär nach Gründen für das Unglücklichsein, sondern nach Symptomen, die man mit neurochemischen Mitteln bekämpft. Ein solches Verständnis von Depressionen liegt natürlich ganz im Interesse einer mächtigen Industrie, für die der mentale Zustand des Menschen primär eine Quelle der Profitmaximierung darstellt. Nur keine falschen Pietäten! Zum Unglücklichsein gibt es keinen Grund, wenn ein gutes Pharmakon dagegen existiert.

Man kann eine Art von Mittel-Zweck-Umkehr feststellen. Traditionell hatte man es mit einer Krankheit zu tun, und man entwickelte ein Mittel dagegen. Neuerdings ist die Allianz von Wirtschaft und Medizin so mächtig, dass man sich fragen kann, ob Arzneimittel produziert werden, um Krankheiten zu behandeln, oder ob Krankheiten nun von den Arzneimitteln definiert werden, um einen entsprechenden Markt zu etablieren. Antidepressiva zum Beispiel kennt man seit gut einem halben Jahrhundert. Seither beklagen immer mehr Menschen depressive Symptome. In den USA soll es sich um gut einen Drittel der erwachsenen Bevölkerung handeln.

Die normative Macht des Pharmakons
Die Psychopharmaka werden nicht nur ständig verfeinert und verbessert, sie führen auch zu dem, was man die normative Macht des Medikaments nennen kann. Es definiert den Zustand der Normalität. Wenn man also über immer wirksamere Antidepressiva verfügt, dann ist es nicht „normal“, lange in depressivem Zustand zu bleiben. Man schluckt das Mittel, und wer das nicht tut, riskiert, als mental „gestört“ klassifiziert zu werden. Eines der massgebenden medizinischen Klassifikationssysteme – das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) – listet die Symptome solcher Gestörtheit auf. Der Leitfaden wird vom einflussreichen Fachverband der amerikanischen Psychologen -  der „American Psychiatric Association“ (APA) -  herausgegeben, dessen Budget sich zur Hälfte von der Pharmaindustrie speist. Im elfköpfigen Beratungskomitee der neuesten, der fünften Ausgabe des DSM sitzen acht Experten mit engen Beziehungen zur Big Pharma. Sie haben eine nicht unwesentliche Definitionshoheit über psychische Krankheiten. Angesichts immer wirksamerer Antidepressiva wie zum Beispiel Wellbutrin hat die APA befunden, mehr als zwei Wochen Unglücklichsein nach dem Tod eines nahestehenden Menschen sei nicht normal, sondern Symptom eines „gestörten“ Geisteszustands. Trauern wird also zum Gesundheitsrisiko.

Glück als Humankapital
Glück gehört zum Humankapital. Es ist ein Faktor der Selbstoptimierung, wie etwa auch Achtsamkeit (Mindfulness), digitale Entgiftung, kognitive Therapie, Stressreduktionstechniken. Glück kann, wie dies einer der Schöpfer des Begriffs des Humankapitals, der einflussreiche Ökonom Gary Becker, ausdrückte, „augmentiert“ werden. Beckers Theorie lässt sich als eine Art von ökonomischem Existenzialismus betrachten: Der Mensch ist das, was er in sich investiert. Erziehung zum Beispiel ist eine strategische Investition in sich selbst. Persönliche Beziehungen sind Wirtschaftverträge mit Kosten und Nutzen für die Partner. Auch Glück ist eine solche Investition: ein Asset, eine innere Kapitalanlage. Glück, so lautet das Mantra, kann man wählen. Coca Cola verwendet es in seiner Werbung: Open Happiness; mit der Flasche öffnest du das Glück. Nike schlägt die gleiche Richtung ein mit „Just do it“: Kauf es einfach und du wirst glücklich. Solche Botschaften sind branchenüblich scheinheilig. Sie gaukeln dem Konsumenten ein Happy-Go-Lucky-Leben und eine Entscheidungsfreiheit vor, die er im Grunde nicht hat. Ohnehin klingen solche Sprüche in einer Welt zunehmender ökonomischer Machtballung und Ungleichheit nur noch höhnisch: Du hast die Wahl - zwischen verschiedenen Formen von Abhängigkeit.

Chief Happiness Officer
Das Glück ist jedenfalls zu wichtig, um dem Zufall überlassen zu werden. Schlechte Stimmung schadet dem Geschäft. Ein glücklicher Arbeiter ist ein produktiver Arbeiter. Ein ganzer Berufsfächer von pfiffigen Glücksvermehrern hat sich geöffnet, die uns in jedem Weiterbildungskurs und Managementseminar aufzeigen, welch Glückspotenzial und -kapital in uns liegt und zu fördern wäre, koste es, was es wolle. Da ist zum Beispiel der Glückschef oder Chief Happiness Officer, kurz: CHO. Eine wachsende Zahl von Unternehmen beschäftigt solche professionelle „Jolly Good Fellows“, welche die Bude spirituell auf Vordermann bringen sollen. Bei Google war es bis vor kurzem der Software-Designer Chade-Meng Tan. Er bietet den Angestellten ein „mindfullness training“ an, das hilft, inneren Frieden und klaren Geist zu finden, um dadurch Stress und Negativität zu entgehen. Herr Tan hat sogar eine Suchmaschine für innere Zustände entwickelt: Search Inside Yourself (SIY).  Man findet mit ihr vor allem einen Rezepte-Mix aus Fernostweisheit und Resultaten aus der Forschung über emotionale Intelligenz. Einsichten aus dem Repertoire eines Grüssaugusts wie: Wann immer du jemandem begegnest, sollte dein erster Gedanke sein: Ich möchte, dass diese Person glücklich ist! Herr Tans Kurse erfreuten sich unter Google-Leuten einer solchen Beliebtheit, dass er sich nun einem höheren Ziel zuwendet. Für ihn ist SIY nicht weniger als ein Mittel, den Weltfrieden herbeizuführen. Wer will es ihm verargen, dass er auch auf den Nobelpreis schielt.

World-Happiness-Index
In den letzten Dekaden lag die menschliche Kognition im Fokus der Psychologen und Hirnforscher. Nun gewinnt die menschliche Emotionalität zunehmend an Bedeutung. Es ist die Rede von Bruttonationalglück oder vom World-Happiness-Index (auf dem die Schweiz nota bene den zweiten Platz hinter Dänemark einnimmt[i]). In dieser Bedeutungsverschiebung spiegelt sich durchaus auch ein Interesse am Wissen über die Manipulierbarkeit der Kunden, Patienten, Wähler, Sportler, Arbeitnehmer. Wie es scheint, lässt sich der Mensch über das Gefühl besser „anschubsen“ als über den Verstand. Wie also ihn beeinflussen, damit er das Gewünschte tut, ohne es zu merken? Das ist die Zentralfrage der „Schubser“: der Marktforscher, Politstrategen, Betriebspsychologen, ökonomischen Behavioristen. Für sie ist Glück der geschäftsfördernde Faktor par excllence, der Schlüssel zu Macht, Geld, Status. Und hier bricht ein tiefer Widerspruch auf.

Prekäre Arbeitsverhältnisse
Es ist kaum wegzudiskutieren, dass die globale ökonomische Dynamik auch weltweit zu einem psychischen Malaise führt. Millionen von Arbeitenden unter prekären Verhältnissen in den sogenannt entwickelten Gesellschaften fühlen sich unwohl, und sie möchten sich von „gutmeinenden“ Beratern und Glückstechnologen auch nicht zum Wohlfühlen überreden lassen. Wenn Frauen und Männer unter bestimmten Arbeits- und Lebensbedingungen nicht aufblühen, dann tun sie dies wahrscheinlich auch nicht, wenn man sie mit den wirksamsten Therapien und Pharmaka traktiert und vollpumpt. Dann stellt sich die Frage, ob wirklich das Individuum krank ist oder nicht vielmehr die Gesellschaft, in der es lebt und arbeitet. Anders gesagt: Mit dem psychologischen und psychotherapeutischen Blick auf das Glück riskiert man eine Aufmerksamkeitsverschiebung weg vom Sozialen und Politischen, und damit weg von wichtigen äusseren Mitursachen einer inneren Krise. Immerhin kennt man ja durchaus einige Arbeitsbedingungen, die das Glück nicht notwendig fördern. Man weiss zum Beispiel,  dass Arbeit, über die man keine Kontrolle hat, ziemlich unwohl macht und auch das Risiko zu Herzattacken erhöht. Unter solchen Bedingungen nimmt die Arbeitsmoral Schaden. Und auch die Wirtschaft. In den USA verursachen Krankheiten, häufiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz (Absentismus) oder auch unnötig langes Verharren am Arbeitsplatz (Präsentismus) Gesundheitskosten in der Höhe von 550 Milliarden Dollar.

Das gute Leben – eine Frage der Neurochemie?
Arbeitsmoral aber lässt sich nicht einflössen wie ein Aufputschmittel. Nach dem Börsencrash 2008 postulierten Psychologen, nicht das Finanzsystem sei das Problem gewesen, sondern die Gehirne der Börsianer. Die Wall Street soll unter den falschen Neurochemikalien kollabiert sein; zuviel Testosteron in zuvielen Traderhirnen, zuviel Koks in zuvielen Bankerhirnen. Angeblich hatte man auf der Basis von Hirnscans von Börsenmaklern ein Psychopharmakon entwickelt, welches zu effizienterer Entscheidungsfindung verhelfen sollte. Und dieses Mittel habe nicht richtig funktoniert. Man kann an einer solchen Vermutung zweifeln, ja, sie lächerlich finden, jedenfalls drückt sie die implizite Mentalität aus, dass sich auch elende soziale und politische Zustände durchstehen lassen, wenn man nur richtig gedopt ist. Und dahinter verbirgt sich die verführerische Tendenz unseres Zeitalters, die Frage nach dem guten Leben durch die Frage nach der richtigen Neurochemie zu ersetzen. Davor spannt man die zynische Logik: Wenn die herrschende Form des Kapitalismus den Bedürfnissen vieler Menschen nicht entspricht, dann muss man diese Menschen halt ändern, um den Bedürfnissen dieses Kapitalismus’ zu entsprechen. -

Etwas ist faul an der Weltbeglückung
Vielleicht sollte man vor dem Hintergrund der Weltbeglückung einen zweiten Blick auf die Frage werfen, ob denn Unglücklichsein immer als Krankheit oder Störung zu betrachten sei. Im Unglücklichsein steckt ja auch der Keim der Kritik, also eines Denkanlasses. Man fragt nach Ursachen, Gründen, nach Verantwortlichen, ja, Malefikanten. Unglücklichsein kann sich durchaus in kritischem Diskurs artikulieren, statt als Symptom wegbehandelt zu werden. Dazu muss eine Sprache entwickelt werden, die sich nicht in verhaltensökonomischer und neurochemischer Konditionierung erschöpft; die einem „Diskurs des Unglücklichseins“ Vorschub leistet: Analyse durch Denken, nicht Paralyse durch Wohlfühlen und Liken. Es gibt eine Menge von Autorinnen und Autoren, die an einer solchen Sprache arbeiten. Um hier nur ein paar zu nennen: Joseph Stiglitz mit „Der Preis der Ungleichheit“; Richard Wilkinson und Kate Pickett mit „Gleichheit ist Glück“, Tim Kasser mit „The Price of Materialism“ und neuerdings Will Davies mit „The Happiness Industry“.

There is no alternative – wirklich?
Das herrschende Wirtschaftssystem kann Unglücklichsein nicht dulden. Die Ausmerzung dieses Zustands gehört deshalb zur systemerhaltenden Aufgabe. Mit der Bewirtschaftung des Glücks absorbiert der Kapitalismus gleich auch die Kritik an ihm. Im Kern haben wir es also mit einem fundamentalen Problem zu tun. Für nicht wenige Verfechter des vorherrschenden Wirtschaftssystems – nennen wir es der Einfachheit halber das neoliberale - sind alle entscheidenden Fragen bereits beantwortet. Die Regeln des ökonomischen Spiels werden als Quasi-Naturgesetze interpretiert. Das erinnert an die Lage vor fünfzig Jahren, als Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch“ schrieb. Diese Eindimensionalität hat sich nunmehr verfestigt zum Axiom: Es gibt kein anderes System – there is no alternative. Wirtschaftsleute und Politiker beten unablässig dieses Mantra herunter, wie einen Gegenzauber, der sie vor dem schützt, was sie am meisten befürchten: dass nämlich die Menschen ihr Unglücklichsein nicht als Geistesstörung begreifen, sondern als Gestörtheit des ökonomischen und politischen Systems. Unter dem Glücksimperativ – sei er kapitalistisch oder wie auch immer geartet – missglückt uns jedenfalls das Leben.




[i]    http://www.sciencealert.com/the-world-happiness-index-2016-just-ranked-the-happiest-countries-on-earth