Sonntag, 10. August 2014

Nichts als Theorie





Von der Kosmologie zur Nihilologie
Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts? Vor dem Nichts – dieser grossen kosmischen Null - scheiden sich die Geister in fromme und unfromme. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es eine Art von Burgfrieden zwischen Naturwissenschaften und Theologie. Aber die Frage spukt als metaphysisches Unbehagen weiter in unseren Seelen, wie aufgeklärt sie sich auch geben mögen. Beruhigt man es letztlich nur mit dem Glauben in eine Transzendenz? Oder schüttelt man es ab mit einem atheistischen Schulterzucken: „The universe happens“? Haben wir bloss die Wahl zwischen dem grossen Design und dem grossen Absurden? David Hume hielt dem Argument, dass man die Welt nur erklären könne, wenn man ein gottähnliches Wesen voraussetzt, eine schlagende Analogie aus der Mathematik entgegen. Betrachten wir beliebige Vielfache der Zahl 9: 18, 36, 207 ... Die Quersumme ergibt stets 9. Für mathematisch Unbedarfte ein Wunder. Für den versierten Algebraiker eine Gesetzmässigkeit der natürlichen Zahlen. Könnte es sein, so Hume, dass wir vor der kosmischen Algebra des Universums wie unbedarfte Mathematiker stehen? Sind wir einfach nicht geschaffen für eine Erklärung?
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Das mutet an wie intellektuelles Handtuchwerfen. Aber Hume macht uns sehr schön das unauslöschliche Faszinosum verständlich, das in einer Erklärung des Universums steckt. Selbst wenn wir die Frage nach dem Warum nicht beantworten können, monieren heute Physiker, so sind wir theoretisch gerüstet für die Frage nach dem Wie. Mit dem Begriff der kosmischen Singularität schuf die Big-Bang-Theorie eine konzise konzeptuelle Fassung für diese Fragestellung, und damit auch für einen theoretischen physikalischen Horizont, der über den Anfang des Universums hinausreicht. Wenn es einen Anfang hat, dann bedeutet dies also zunächst einmal, dass dieser Anfang einer Erklärung bedarf, und zwar einer physikalischen.
Die Frage lautet nunmehr: Wieso gab es den Urknall und nicht vielmehr keinen? Die Frage selbst ist eigentlich schon erstaunlich genug. Denn erklärungsbedürftig erscheint uns ja normalerweise das Nicht-Selbst­verständ­liche. „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ deutet so gesehen auf eine philosophische Voreingenommenheit hin, nämlich dem Nichts den Selbstverständlichkeitsbonus vor dem Etwas zu geben. Das ist im Grunde eine kleine Übung in Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denke ich an die ungeheuer grosse Zahl möglicher Identitäten, die in unseren Genen enkodiert sind, kann ich durchaus darüber staunen, dass ich existiere und vielmehr nicht existiere. Bertrand Russell sah darin mit seinem typischen trockenen Humor primär eine erzieherische Ermahnung: Kinder, seid dankbar gegenüber euren Eltern.
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Für die Quantentheorie ist es denkbar, dass etwas spontan aus nichts entsteht. Vorausgesetzt, man verfügt über das richtige Nichts. Physiker stellen sich darunter einen Zustand niedrigster Energie vor, ein Vakuum, welches das Potenzial hat, Teilchen in die Existenz zu entlassen. Es gibt sogar verschiedene Arten solcher „Nichtse“. Von hier aus erscheint der Schritt – zumindest spekulativ – klein, auch das Universum aus einem Urvakuum entstehen zu lassen. Den Schlüssel dazu liefert die Heisenbergsche Unschärferelation. Sie besagt im vorliegenden Fall, dass das physikalische Nichts - das Vakuum - ein Zustand der „Fluktuation“ zwischen Sein und Nichtsein ist, und deshalb in infinitesimal kleinen Zeit- und Raumquanten – in der sogenannten Planck-Zeit und Planck-Länge – eigentlich alles Mögliche wirklich werden kann (in diesen Dimensionen kann nicht einmal mehr von einem genau definierten „Anfang“ die Rede sein). Raum, Zeit, Energie - das Universum könnte als zufällige Blähung einer Quanten-Fluk­tuation dem Nichts entsprungen sein. Der Kosmologe Alan Guth, der vor 30 Jahren das Szenario eines „inflationären“ Universums entwarf, prägte dafür ein geflügeltes Bonmot: „The Universe is a free lunch“ – das Universum ist umsonst zu haben, weil es aus nichts entsteht.
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Man sollte nun freilich nicht in vorauseilendem Triumphalismus erwarten, dass sich presto eine akzeptable „wissenschaftliche“ Antwort auf die Frage nach dem Nichts Bahn bricht. Immerhin aber scheint der Erfolg von Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“ einer neuen Disziplin zur Geburt verholfen zu haben: der Nihilologie. Wir wohnen einer regelrechten Inflation von Publikationen über die Entstehung des Universums aus dem Nichts bei. Hier eine kleine Auswahl aus den letzten paar Jahren: Alan Guths „Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts“, Brian Greenes „Die verborgene Wirklichkeit“, Frank Closes „Das Nichts verstehen“, Alex Vilenkins „Kosmische Doppelgänger“, Brian Cleggs „Vor dem Urknall“, Henning Genz’ „Entdeckung des Nichts“, und neuestens Lawrence Krauss’ „Ein Universum aus Nichts“ – solche Titel weisen darauf hin, dass heute das wissbegierige Lesepublikum die Antwort auf letzte Fragen nicht von den Theologen, sondern von den Physikern erhofft.
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Nicht zu vermeiden ist allerdings auch viel Lärm um nichts. Lawrence Krauss z.B. ist ein exzellenter Physiker, der an der vordersten Front der Quantenkosmologie wirkt. Indes, von der Philosophie will er sich gar nichts sagen lassen, an ihrer statt schwingt er sich auf zum Ritter einer szientistischen Tafelrunde im Kampf gegen nichtwissenschaftliche Erklärungsansprüche – nicht unähnlich dem Waffengenossen Richard Dawkins in der Biologie. Natürlich wird man jederzeit Krauss’ Attacken gegen „Wissenschaftsverneiner“ billigen, welche die Erschaffung der Erde in sieben Tagen für möglich halten. Den Bogen überspannt er indes, wenn er die Physik mit Philosophie-und-Theologie-Bashing verbindet, und z.B. sachhaltige kritische Argumente in einer Rezension seines Buches – geschrieben von einem angesehenen Wissenschaftsphilosophen - kurzerhand als „schwach­sinnig“ („moronic“) abtut. Bedenklich und auch traurig daran ist, dass sich heute die klügsten Köpfe aus Wissenschaft und Philosophie auf eine derartige Weise begegnen, und der argumentative Austausch in der Pop Science zunehmend einem medialen Preisboxen weicht.
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Schauen wir eines der „schwachsinnigen“ Argumente etwas näher an, weil es ins Herz der Sache führt. Wer das Entstehen des Universums aus nichts zu erklären versucht, braucht zumindest Gesetze, seien dies nun die Gesetze der Quantengravitation, einer zukünftigen Quantennihilologie oder welcher Theorie auch immer. Und woher stammen diese Gesetze? Aus dem Nichts? Schweben sie wie die platonischen Ideen über dem Nichts oder sind sie ins Nichts eingewoben? Und müsste den Gesetzen nicht eine mysteriöse Kausalkraft innewohnen, allein durch ihre Existenz etwas aus dem Nichts zu erzeugen – jenes göttliche „fiat lux“, der weltenschaffende Hauch des Demiurgen?
Halten wir ein, bevor wir uns im Theologischen verrennen, und bleiben wir beim Profan-Logischen. Allein schon die Frage verstrickt uns notwendig in ein Dilemma: Wenn das Nichts etwas erklären soll, dann muss es in irgendeiner Weise qualifiziert (also etwas) sein; und wenn es qualifiziert ist, dann ist das Nichts nicht nichts. Hier beginnt der nihilologische Zirkel. Die moderne Quantenkosmologie scheint wie gebannt von der Frage zu sein: Was ist das erste Prinzip, das nicht selbst wieder auf ein „nacherstes“ Prinzip hinwiese? Es ist nicht abzusehen, wie diesem unabschliessbaren Regress des Fragens und Antwortens anders Einhalt geboten werden könnte als durch den apodiktischen Riegel eines „So ist es. Punkt“. Das tat Aristoteles mit seinem „unbewegten Beweger“, der das kosmische Karussell anstiess, selber aber nicht mit der Frage behelligt werden wollte, wer denn ihn angestossen habe. Sind wir also am Ende doch wieder beim Philosophen angelangt?
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Wer jetzt metaphysische Schwindelgefühle verspürt, sei auf ein Beruhigungsmittelchen verwiesen, eine Art Mantra gegen den Horror Vacui in irgendeiner dunklen Ecke unserer Seele. Es lässt sich etwa beim morgendlichen Zähneputzen oder Rasieren aufsagen: Nehmen wir an, nichts existiert; dann existieren auch keine Gesetze; dann ist alles erlaubt, nichts verboten; wenn also nichts existiert, ist nichts verboten; nichts verbietet sich selbst; also gibt es etwas.

Zur weiteren Beruhigung mag auch der Gedanke verhelfen, dass es sich hier im Grunde um Geistesakrobatik handelt, die an die mittelalterliche Scholastik erinnert. Für Anselm von Canterbury z.B. war Gott derart vollkommen, dass nur schon der Gedanke seiner Nichtexistenz eine logische Kontradiktion darstellt. Andere dagegen betrachteten Gott als so omnipotent, dass er gar nicht zu existieren braucht... Ein moderner Nachfahre Anselms, der ehemalige Erzbischof von Canterbury William Temple, präsentierte  1931 in seinem Buch „God, Man and Nature“ zwei hübsche Formeln: Gott - Welt = Gott; Welt - Gott = nichts. Dem Erzbischof entging wahrscheinlich eine einfache Konsequenz seiner frommen Algebra. Wenn man nämlich „nichts“ als „0“ liest, erhält man durch einfache Umformung: Gott = Welt = nichts. Wollte der wackere Gottesmathematiker dies beweisen? Ist er der erste Nihilologe? Gott oder die Welt oder das Nichts in Ehren, aber man mache die Rechnung nicht ohne die Logik.