Dienstag, 14. Mai 2013

Tretmühlen der Fitness







Wir leben in einer Zeit der Heteromobilität, der Fremdbewegtheit. Selbst wenn wir heute Fussgängerzonen in den Städten einrichten, ein dichtes Wanderwegnetz durch die Landschaften legen, in unseren Freizeitbeschäftigungen dem Gehen eine zentrale Stellung einräumen, müssen diese Massnahmen im Kontext der Heteromobilität gesehen werden, d.h. als das Einrichten von pedestrischen Reservaten in einer zunehmend nicht-pedestrischen Ökologie. Das Entspannungs-, Erholungs-, Sammlungs-, Innere-Aufrü­stungs­potential des Gehens findet seinen Absatz in Kursen, Seminarien und Ratge­bern für unsere vom Konsumalltag verödeten, ausgereizten Körper. Eine boomende Ertüchtigungsindustrie vermarktet das Kompensations­bedürfnis nach Eigenbewe­gung, vom Aerobic-Kurs, über den Hometrai­ner, Walking, Jogging und Biking bis zu Bungie-jumping oder Canyoning. Man bewegt sich nicht, man verschafft sich die Ware Bewegung. Auf den Bändern der Laufmühlen rennen wir wie von Sinnen, aber dafür womöglich mit Puls-, Geschwindigkeits-, Aktions­sensoren um die Gelenke ge­schnallt, diesem „fitten“ Zustand der Angepasstheit nach. Auf der Stelle, wohlgemerkt.

Vielsagend in diesem Zusammenhang erscheint eine historische Parallele. Die Tretmühle wurde zu Beginn des 19. Jahrhundert in englischen Gefängnissen eingeführt: ein langes, walzenartiges Laufrad mit Sprossen, auf denen mehrere Häftlinge nebeneinander eine bestimmte festgesetzte Zeit lang ihre „Runden drehten“. Obwohl gelegentlich als Motor für Mühlen und Pumpen eingesetzt, war das Gerät primär zur „Korrektion“ von störrischen oder faulen Insassen gedacht. Im Klartext: ein subtiles Folter-Werkzeug. Wie der Gefängnisaufseher James Hardie schrieb, war es „die beständige Monotonie, und nicht die harte Anstrengung, die ihren Schrecken verbreitet, und oft den halsstarrigsten Geist bricht.“ Wobei er sich zu bemerken beeilte, dass nach übereinstimmender ärztlicher Ansicht den Häftlingen kein gesundheitlicher Schaden zugefügt würde, im Gegenteil, in disziplinierender Hinsicht hätte sich die Maschine von beachtenswertem Nutzen erwiesen.
Kehrt die Tretmühle wieder, in Gestalt des Cross-Trainers? Anders als die Häftlinge auf der Tretmühle des 19. Jahrhunderts, die Leistung an die Maschine abgaben, konsumiert der moderne Benutzer des Laufbandes Leistung zwecks Erneuernung und Kräftigung seiner selbst, zum Aufbau seiner Muskulatur, zur Kompensation seiner eigenen Immobiltät. Nicht er treibt das Gerät an, sondern das Gerät treibt ihn an – auch dies ein Beispiel der Heteromobilität. Man halte sich etwa auch die grassierenden Flyer vor Augen. Repetitive Arbeit hat seit Sisyphus den Anstrich der Strafe. Deshalb war die Monotonie der Tretmühle eine passende Bestrafung renitenter Häftlinge. Heute nennt man diese Strafe Fitnesstraining. Müsste einem Zeitreisenden aus dem frühen 19.Jahrhundert, der all die schwitzenden, rotgesichtigen Menschen auf den Laufbändern der Fitnessstudios erblickte, nicht unwillkürlich die Frage auf der Zunge liegen, was sie denn verbrochen hätten...