Sonntag, 8. September 2013

Schlaflos im Internet





WOZ, 5.9.13


Der 24/7-Mensch



Unser Leben steht unter dem Diktat permanenter Abrufbarkeit, Dienstbarkeit, Vernetztheit : Always On! Im Englischen gebraucht man das Kürzel „24/7“ für den Zustand der Dauerbereitschaft: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Schlaf wir zu einem Hindernis, ja Skandal,  im globalen Hamsterrad der Produktion und Konsumption. Geld schläft nicht.

Unlängst zog eine amerikanische Spatzenart, der Dachs­ammer, die Aufmerksamkeit des Pentagons auf sich. Dieser Zugvogel kommt auf seinem saisonalen Flug von Alaska nach Nordmexiko ohne Schlaf aus, bis zu einer Woche. Die Fähigkeit ermöglicht ihm, während der Nacht zu fliegen und bei Tag Nahrung zu suchen. Die erstaunliche schlaflose Effizienz war für das Militär Anlass, ornithologische Studien in Auftrag zu geben, die herausfinden sollten, wie die Gehirnaktivität des Dachsammers ihm diese langen Wachperioden erlaubt. Mit dem Ziel, die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen zu übertragen. 


Die Wissenschafter beschäftigen sich nun also mit Techniken der Schlaflosigkeit, basierend auf Neurochemikalien, genetischen Eingriffen oder transkranieller Magnetstimulation. Ornithologie wird in den Dienst der nationalen Sicherheit genommen, als Teil eines Grossprojekts der Agentur DARPA („Defence Advanced Research Projects Agency“), deren primäres Ziel die Entwicklng wirksamer neuer Technologien für die Kriegsführung ist. Zu den angestrebten „Produkten“ gehört auch der „Dachsammer“-Soldat, der seinen Auftrag von unbestimmter Zeitdauer effizient ausführt, unbeeinträchtigt durch das Bedürfnis nach Schlaf und Erholung: die perfekte soldatische Maschine.
Der 24/7-Mensch
Das ist nur ein Aspekt eines anschwellenden Mainstreams. Die technisch erzeugte Schlaflosigkeit steht als Emblem für die permanente Abrufbarkeit, Dienstbarkeit, Vernetztheit des heutigen Menschen. Im Englischen gebraucht man das Kürzel „24/7“ für den Zustand der Dauerbereitschaft: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Im Dienstleistungssektor ist dieser Zustand bereits die Norm: Polizei, Feuerwehr, Spitäler, Geheimdienste, Callcenters sind 24/7-Betriebe. Der ganze globale Markt hat eine 24/7-Infrastruktur. Vertriebstrainer führen z.B. ein 24-Stunden-Seminar – ein „Webinar“ – über neue Verkaufsmethoden durch. „Wir sind Umsatz“ lautet das Motto. Wer verkauft, schläft nicht. Und in dem Masse, in dem wir diese Dauerbereitschaft internalisieren, nimmt ein neuer Idealtypus Gestalt an: der  24/7-Mensch. Der Übergriff dieser Lebensform auf den Schlaf lässt sich z.B. an der schwindenden durchschnittlichen Schlafenszeit ablesen. Der normale erwachsene Amerikaner, schreibt der Kunsthistoriker Jonathan Crary in seinem Buch „24/7: Late Capitalism and the End of Sleep“ (2013), schlafe heute etwa sechseinhalb Stunden: eine markante Schlafreduktion gegenüber den acht Stunden vor einer Generation und eine noch markantere gegenüber den zehn Stunden zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
Schlafentzug ist Persönlichkeitszerstörung
Hier manifestiert der Schlaf seine paradoxe Doppeldeutigkeit: biologisch nützlich, ökonomisch nutzlos. Seine unprofitable Auszeit kann im Rund-um-die-Uhr-Getriebe der heutigen Lebens- und Arbeitswelt nur als Skandal erscheinen. Er muss minimiert werden. Die Ökonomie verlangt seine Abkopplung von den natürlichen Zyklen. Auch wenn unter Biologen und Neurologen keine Einigkeit herrschen mag über die vitalen Funktionen des Schlafes, so besteht doch kein Zweifel daran, dass Schlafmangel diese Funktionen beeinträchtigt. Schlafentzug weist ex negativo auf die Nützlichkeit des Schlafs hin. Als Foltermethode seit Jahrhunderten eingesetzt, entfaltete der Entzug sein Gewaltpotenzial vor allem durch das elektrische Licht; zum ersten Mal systematisch erprobt von den Häschern Stalins in den 1930er Jahren. Schlafentzug markiert den Beginn des „Förderbands“ – wie dies in einschlägigen Kreisen genannt wird - : einer ausgeklügelten Abfolge von Brutalitäten mit dem Ziel, die Wahrheit ans Licht zu „befördern“ (der zynische Euphemismus der Geheimdienste spricht allerdings vom Schlafentzug als von einer „psychologischen Überzeugungstechnik“). Man kann ein Individuum irreparabel zerbrechen, wenn man ihm den lebenswichtigen Kontakt zur Aussenwelt – sinnliche Wahrnehmung – und zur Innenwelt – Schlaf und Traum – versagt. Mit dem Schlaf treibt man dem Menschen sein Selbst aus.
Die Nacht verschwindet
Mit dem Schlaf korrespondiert die Nacht, die Dunkelheit, der Schatten. Jeremy Benthams „Panoptikum“, das architektonische Überwachungsmodell für Gefängnisse, Fabriken, Spitäler und Schulen des 19. Jahrhunderts, funktioniert nur optimal bei permanenter Helligkeit. Der lichtdurchflutete Raum eliminiert die dunkeln Schlupfwinkel. So wie die gnadenlose Datenhelligkeit des Netzes und seiner Social Media heute das Zwielicht abschafft, das Privatheit und Intimität brauchen. Bereits vor der digitalen Durchleuchtung gab es in den späten 1990er Jahren den Plan eines Systems von spiegelnden Satelliten, welche das Sonnenlicht auf die Erde reflektieren würden. Ursprünglich gedacht als elektrizitätssparende Beleuchtungsanlage für die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen in Gebieten mit langen Polarnächten, wuchs sich die Idee aus zu einem Illuminationsprojekt planetarischen Ausmasses, durch das der Globus buchstäblich in eine immerwährende Mittagshelle getaucht worden wäre. Es scheiterte an der Opposition von Umweltverbänden und aufgrund zu vieler Zufälligkeiten. Aber die Ambition dahinter - „Tageslicht die ganze Nacht hindurch“ lautete die Devise - bleibt aktuell und beunruhigend. Hier liegt das Endresultet der Abkopplung aus natürlichen Zyklen vor uns, um das Laufrad des globalen Marktes Tag und Nacht auf Touren zu halten. Geld schläft bekanntlich nicht. Und es definiert zunehmend die Bedingungen des  Homo oeconomicus insomnians.
Der Maschinen-Schlaf
Unter diesen Bedingungen beobachten wir nicht nur eine Verwischung der Grenze zwischen Wachen und Schlaf, Tag und Nacht, sondern generell zwischen Maschine und Mensch. Selbst Maschinen schlafen heute. Benütze ich meinen Drucker gerade nicht oder schliesse ich meinen Laptop, dann verabschieden sie sich in den „Sleep“-Modus. Apple führte in sein Betriebsssystem das sogenannte „Power Nap” ein – das Energienickerchen zwischendurch -, einen Zustand, in dem der Computer immer noch wichtige Aufgaben erfüllt, z.B. E-Mails empfängt, Software-Updates herunterlädt, Backups erstellt.  Die Maschine, die selbst im Schlaf arbeitet – wird sie zum Vorbild des Werktätigen im digitalen Zeitalter? In der Tat führen Firmen und Behörden Power-Napping bereits als regeneratives Mittel ein, selbstverständlich unter der normativen Vorgabe der Leistungssteigerung.
Der Sleep Hacker
Hier wird uns die Neurobiologie wahrscheinlich noch viel über die „Maschine“ Gehirn und die Bedeutung und Nützlichkeit des Schlafes zu sagen haben. In einem gerade erschienenen Buch – „Autopilot .The Art and Science of Doing Nothing“ (2013) – berichtet der Autor Andrew Smart von erstaunlichen „intrinsischen“ Aktivitäten bestimmter Hirnregionen, die sich im Ruhezustand abspielen, dann also, wenn wir scheinbar nichts tun. Und er macht daraus – wie heute üblich -  auch gleich ein neurobasiertes Vademekum: Nichtstun und Tagträumen als unentbehrliches „Enhancement“ unserer mentalen Fähigkeiten. Allerdings werden wir uns gleichzeitg darauf gefasst machen müssen, dass die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse dazu prädisponiert sind, die verborgene Produktivität des Schlafs zu exploitieren und so die letzte Bastion des inneren Rückzugs auch dem Eingriff von aussen zu öffnen – ein Taylorismus des Unbewussten. Schon gibt es „Sleep hacking“, eine Form der neuen Selbst-Überwachung, des „self tracking“. Ein Blogger führt beispielsweise minutiös Bilanz: Von 7.27 Stunden Schlaf seien 52% leichter, 29% REM- und 19% tiefer Schlaf gewesen; was er aufs Ganze gesehen als „viel vergeudete Zeit“ taxiert. Unlängst beschrieb Eric Schmidt von Google die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts als eine „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Gewinner würden jene sein, die möglichst viele „Augäpfel“ auf sich ziehen und kontrollieren könnten. Selbstredend steht der Schlaf einer solchen Augapfelmaximierung im Weg. Und vielleicht werden wir künftig ohnehin in ihn tauchen wie in einen Film, den wir vom Schlaf-Programm auswählen. Im Vorspann läuft unvermeidlich der Hinweis „Gesponsert von Google“.
Homo compensator
Womöglich sensibilisiert uns gerade eine Zeit der totalen Transparenz für eine Neuentdeckung dieses grossen dunklen Kontinents in uns, der – es ist zu wünschen -  in dem Masse unkolonisierbar bleibt, in dem man ihn zu kolonisieren sucht. Der Schlaf ist eine der letzten, wenn nicht die letzte Zone des inneren Rückzugs in einer Gesellschaft, die den Zustand der Dauerwachheit und Dauerverknüpftheit zur Norm erhebt. Gegen sie und das Ideal des perfekten 24/7-Menschen müsste ein anthropologischer Gegentypus an Bedeutung gewinnen. Ich denke an Odo Marquards „Homo compensator“, der gerade hier an Aktualität gewinnt: an den Menschen des Ausgleichs, welcher den Off-Modus des Schlafs nicht nur als Quelle der Regeneration versteht, sondern als renitentes Definiens seiner selbst: Mein Schlaf gehört mir!
Und in diesem Zusammenhang könnte auch der Dachsammer zu einem anderen Vorbild werden. Man gibt seinen Ruf lautmalerisch so wieder:  „You can’t come to catch me!“ – „Du wirst mich nicht fangen!“ Ein wunderbar passender Ausdruck für die Dissidenz des Schlafs. Für die Dissidenz des Menschen gegenüber dem Affront seiner totalen Überwachbarkeit. 

Dienstag, 14. Mai 2013

Tretmühlen der Fitness







Wir leben in einer Zeit der Heteromobilität, der Fremdbewegtheit. Selbst wenn wir heute Fussgängerzonen in den Städten einrichten, ein dichtes Wanderwegnetz durch die Landschaften legen, in unseren Freizeitbeschäftigungen dem Gehen eine zentrale Stellung einräumen, müssen diese Massnahmen im Kontext der Heteromobilität gesehen werden, d.h. als das Einrichten von pedestrischen Reservaten in einer zunehmend nicht-pedestrischen Ökologie. Das Entspannungs-, Erholungs-, Sammlungs-, Innere-Aufrü­stungs­potential des Gehens findet seinen Absatz in Kursen, Seminarien und Ratge­bern für unsere vom Konsumalltag verödeten, ausgereizten Körper. Eine boomende Ertüchtigungsindustrie vermarktet das Kompensations­bedürfnis nach Eigenbewe­gung, vom Aerobic-Kurs, über den Hometrai­ner, Walking, Jogging und Biking bis zu Bungie-jumping oder Canyoning. Man bewegt sich nicht, man verschafft sich die Ware Bewegung. Auf den Bändern der Laufmühlen rennen wir wie von Sinnen, aber dafür womöglich mit Puls-, Geschwindigkeits-, Aktions­sensoren um die Gelenke ge­schnallt, diesem „fitten“ Zustand der Angepasstheit nach. Auf der Stelle, wohlgemerkt.

Vielsagend in diesem Zusammenhang erscheint eine historische Parallele. Die Tretmühle wurde zu Beginn des 19. Jahrhundert in englischen Gefängnissen eingeführt: ein langes, walzenartiges Laufrad mit Sprossen, auf denen mehrere Häftlinge nebeneinander eine bestimmte festgesetzte Zeit lang ihre „Runden drehten“. Obwohl gelegentlich als Motor für Mühlen und Pumpen eingesetzt, war das Gerät primär zur „Korrektion“ von störrischen oder faulen Insassen gedacht. Im Klartext: ein subtiles Folter-Werkzeug. Wie der Gefängnisaufseher James Hardie schrieb, war es „die beständige Monotonie, und nicht die harte Anstrengung, die ihren Schrecken verbreitet, und oft den halsstarrigsten Geist bricht.“ Wobei er sich zu bemerken beeilte, dass nach übereinstimmender ärztlicher Ansicht den Häftlingen kein gesundheitlicher Schaden zugefügt würde, im Gegenteil, in disziplinierender Hinsicht hätte sich die Maschine von beachtenswertem Nutzen erwiesen.
Kehrt die Tretmühle wieder, in Gestalt des Cross-Trainers? Anders als die Häftlinge auf der Tretmühle des 19. Jahrhunderts, die Leistung an die Maschine abgaben, konsumiert der moderne Benutzer des Laufbandes Leistung zwecks Erneuernung und Kräftigung seiner selbst, zum Aufbau seiner Muskulatur, zur Kompensation seiner eigenen Immobiltät. Nicht er treibt das Gerät an, sondern das Gerät treibt ihn an – auch dies ein Beispiel der Heteromobilität. Man halte sich etwa auch die grassierenden Flyer vor Augen. Repetitive Arbeit hat seit Sisyphus den Anstrich der Strafe. Deshalb war die Monotonie der Tretmühle eine passende Bestrafung renitenter Häftlinge. Heute nennt man diese Strafe Fitnesstraining. Müsste einem Zeitreisenden aus dem frühen 19.Jahrhundert, der all die schwitzenden, rotgesichtigen Menschen auf den Laufbändern der Fitnessstudios erblickte, nicht unwillkürlich die Frage auf der Zunge liegen, was sie denn verbrochen hätten...

Freitag, 18. Januar 2013

Der Pistolen-Bürger


NZZ, 18.01.2013


Der moderne Staat besitzt das Gewaltmonopol. Seine Bürgerinnen und Bürger dürfen Gewalt nur in Situationen der Notwehr oder der Nothilfe anwenden. Sollten sie auch Schusswaffen haben und auf sich tragen dürfen? – Das ist nicht nur eine Frage des Rechts.

Schusswaffen sind Mittel der Gewaltausübung, und insofern etablieren sie – um ein Argument Hannah Arendts leicht abzuwandeln – eine Hierarchie. Der Mensch ohne Schusswaffe ist oder fühlt sich einem Menschen mit Schusswaffe in vieler Hinsicht unterlegen. Früher oder später wird er wahrscheinlich das Bedürfnis verspüren, dieses Ungleichgewicht zu beheben und sich nun selber zu bewaffnen. Dieses Gleichgewicht ist aber labil. Wenn alle Bürgerinnen und Bürger Schusswaffen auf sich trügen, würde der Alltag dadurch nicht sicherer, im Gegenteil. Die Logik solchen individuellen Aufrüstens schafft vielmehr eine neue Konkurrenzsituation (einen «Markt») und den Wunsch, mehr Waffen oder die bessere Waffe zu haben, schneller zu sein; überhaupt entstünde ein Wettlauf des präemptiven Handelns, der Alarmbereitschaft, des Sich-Vorteile-Verschaffens: eine Kaskade sich fortsetzender Ungleichgewichte, welche die Sicherheit im Ganzen immer mehr unterhöhlte.

Fragmentierte Gesellschaft
Die Privatisierung der Sicherheit, die in den Vereinigten Staaten weit vorangeschritten zu sein scheint, fragmentiert die Gesellschaft auf ihre Weise. Minoritäten oder diskriminierte Gruppen entdecken auf einmal ihr spezifisches Sicherheitsbedürfnis. Schwule und Lesben gründen «Pink Pistols»-Klubs, in denen der Schusswaffengebrauch gelernt und geübt wird, um sich gegen «gewalttätige Bigotte» zu schützen. In Texas wurde die grösste Zunahme verdeckt getragener Schusswaffen bei afroamerikanischen Bürgerinnen registriert. Griffe die Entwicklung weiter um sich, wären wir bald in jener freien Wildbahn, die einst Thomas Hobbes in seinem klassischen Werk «Vom Bürger» (1642) als vorstaatlichen Kampf eines jeden gegen jeden beschrieben hat. Hobbes forderte bekanntlich die Schutzmacht eines überindividuellen «Leviathan», eines Staates, dem die Bürger das Gewaltmonopol überantworten, um nicht ein Leben im «elenden und abscheulichen» Naturzustand fristen zu müssen.
Dieses Monopol wird regelmässig herausgefordert. Verbot von Angriffswaffen, Magazine mit kleiner Kapazität, eingehendere persönliche Überprüfung beim Waffenkauf: Jede solche «Schikane» kontern die Freiheit-dank-Waffe-Apologeten mit ominösen (weniger freundlich: paranoiden) Anspielungen auf eine «despotische» Staatsmacht und deren heimliche Absicht, die Bürger durch solche Massnahmen zu «tyrannisieren». Anlässlich einer Rede Obamas im Jahre 2009 bekundete ein protestierender Mann sein Missfallen auf einem Poster mit dem Spruch «Zeit, den Baum der Freiheit zu giessen». Die Freiheit, die er meinte, gab sich ganz offen als Pistole im Bein-Holster zu erkennen. Der Spruch ist einem Zitat von Thomas Jefferson entlehnt. Dessen voller Wortlaut sagt alles: «Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen werden.» War sich der Mann bewusst, dass er implizite zum Mord aufrief?
Man vernimmt oft, dass private Schusswaffen die Grundversicherung der Freiheit seien, ein Verbot deshalb dem fundamentalen Recht des Individuums auf Selbstverteidigung zuwiderlaufe. Die Logik ist einfach: Sicherheit gleich Selbstverteidigung; Selbstverteidigung gleich Selbstverteidigung mit Schusswaffen; also: Sicherheit gleich Schusswaffenbesitz. Ein unbezwingbares Argument – wären die Prämissen richtig. Sie sind es nicht. Pistolen sind nur eines der möglichen Mittel der Selbstverteidigung, und Selbstverteidigung allein schafft keine – dauerhafte – Sicherheit. Man verwechselt ein fundamentales Recht (Sicherheit) mit einem partikularen Recht (Waffenbesitz). Man kann das Grundrecht des Bürgers auf Sicherheit auch dann respektieren, wenn man dem Bürger ein partikulares Recht aberkennt. Man kann jenes Grundrecht sogar dadurch sichern, dass man dies tut – vorausgesetzt, der Staat besitzt das Gewaltmonopol. Und das Vertrauen seiner Bürger.
Private Schusswaffen unterminieren das Gemeinwesen, die res publica. Die Reaktion von Eltern auf «Schulmassaker», ihre Kinder nicht mehr in öffentliche Schulen zu schicken, ist nachvollziehbar. Man stelle sich nur einen Augenblick lang das soziale Klima eines Alltags vor, in dem man ständig auf dem Quivive ist, in Schulen, Rathäusern, Kirchen, Restaurants, Einkaufszentren, öffentlichen Verkehrsmitteln. Die allgegenwärtige Präsenz der Waffe – ob offen oder verdeckt – sät Befürchtungen, Ahnungen, Verdächte, Misstrauen: korrosive emotionale Kräfte also, die ein ziviles und demokratisches Zusammenleben zersetzen.
Privater Waffenbesitz begünstigt den Rückzug in extreme Vereinzelung. Die Polizei, die Nationalgarde, das Gesetz bin ich. Sind Amokschützen wie Adam Lanza in Newtown, James Holmes in Aurora, Anders Breivik in Utöya nicht geradezu Extrembeispiele eines pervertierten Individualismus: des isolierten, introvertierten, an der Grenze zum Pathologischen lebenden, gewaltbereiten, bewaffneten Individuums? Je «atomisierter», desto mehr Feinde sieht dieser Mensch um sich herum, gegen die er sein bewaffnetes Dispositiv aufziehen muss. Peter Hans Kneubühl, der gewalttätige Schweizer «Eigenbrötler», schrieb in seinem Tagebuch: «Sie wollen mich vernichten, ich weiss nicht warum, es gibt jetzt keinen Menschen mehr, der zu mir steht.»


«Menschen töten, nicht Waffen»

«Es sind Menschen, die töten, nicht Waffen», sagen die Befürworter des privaten Schusswaffenbesitzes. Das ist ihr Axiom. Und darin spiegelt sich eine vorherrschende Ansicht über Technik: Waffen im Besonderen, Geräte im Allgemeinen sind willfährige Dinge, gefügige Artefakte. Die Waffe selbst tut nichts. Sie dient. Sie ist eine «Ordonnanz», ein neutrales Medium, das eine Absicht vermittelt: zu drohen, zu schützen, zu imponieren, zu töten. Sie wird böse in den Händen von bösen Menschen; sie wird gut in den Händen von guten Menschen. Nur die Absicht kann moralisch beurteilt werden, nicht das Medium. Diese Vorstellung bedarf dringend einer Revision, die auch die Grundfesten unseres Menschenbildes betrifft. Der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour spricht von einem «symmetrischen» Verhältnis von Mensch und Technik: Der Mensch macht nicht nur die Artefakte; die Artefakte machen auch ihn. So gesehen macht die Pistole im Holster aus dem Bürger einen Pistolen-Bürger. Beide, Benutzer und Waffe, formieren sich, kurz gesagt, zu etwas Neuartigem, zu einem «Hybrid», wie Latour dies nennt.
Es gibt deshalb auch nicht die simple Unterscheidung von «richtigen» und «falschen» Händen, in die Waffen geraten. Auf die Frage «Wer tötet, die Waffe oder der Mensch?» gibt Latour eine auf den ersten Blick eigenartige Antwort: «Jemand anderes [. . .] Mit der Waffe in der Hand bist du jemand anderes, und auch die Waffe ist nicht mehr dieselbe [. . .] Weder Menschen noch Waffen töten.» Vielmehr müsse die Verantwortung auf beide Seiten «verteilt» werden.
Selbstverständlich soll eine solche «Verteilung» nicht als Entschuldigung von Untaten interpretiert werden. Auch nicht als Absage an Studien, die uns das psychologische, psychopathologische, soziologische, kulturelle und historische Klima der Inkubation solchen Wahnsinns einsichtiger machen. Aber dadurch, dass man die Anthropomorphisierung der Waffe und die Dämonisierung des Waffenträgers vermeidet, kommt ein anderes, fundamentaleres Problem zum Vorschein, nämlich die Metamorphose des Menschen in den technisierten Lebensformen. Wie sich die Einsicht in dieses Problem in einer künftigen Rechtsprechung auswirken wird, muss hier dahingestellt bleiben. Aber auf jeden Fall ist der soziale Akteur nicht mehr einfach der Bürger, sondern der Bürger in der ganzen Fahrhabe seiner «persönlichen» Instrumente. Die technischen Artefakte haben sich von ihrem Ordonnanz-Status emanzipiert. Sie nisten sich in unserer Psyche ein, sie bestimmen unser Handeln, sie bestimmen die Politik mit. Nicht die Pistole ist das Gefährliche, sondern die Tatsache, dass sie schliesslich zu meiner Identität gehört.


Ein Warnschild

Mit der Beschwichtigung, die Amerikaner seien eben Waffennarren, macht man sich die Sache zu leicht. Wir Schweizer haben auch eine alte Schützentradition, und wir neigen in diesem Zusammenhang gern zur Selbstbeglückwünschung. «Wir trauen dem Bürger zu, dass er eine Waffe verantwortungsvoll zu Hause haben darf», sagte vor nicht allzu langer Zeit ein CVP-Politiker. Man wünscht sich, dass er recht hat. Die Schweiz ist keine Gesellschaft von Waffen-Bürgern, sondern von Bürgern, von denen einige gegebenenfalls zur Waffe greifen. Aber das ist kein Grund zur Beruhigung, sondern im Gegenteil, gerade nach der Ablehnung der Waffeninitiative vor zwei Jahren, ein Appell zur Wachsamkeit. Die USA waren in mancher Hinsicht das grosse Vorbild. Nun sind sie das grosse Warnschild, das sagt: Eine Gesellschaft, die aus lauter armierten Individuen besteht, ist keine zivile und offene Gesellschaft freier Menschen mehr. – Ein freier bewaffneter Mensch ist ein Widerspruch in sich.