Sonntag, 23. Dezember 2012

Wir sind nie säkular gewesen



Warum die Wissenschaft die Religion nicht überflüssig macht 




Die Siegergeschichte des Fortschritts hat ihre Mythen. Dazu gehört die Auffasssung, die wissenschaftliche Weltsicht habe die religiöse überwunden. Wir sehen in Technik und Natur­wissenschaften Hauptagenzien der Säkularisierung, der „Entzauberung“ der Welt. Aber die Siegergeschichte des Fortschritts verdrängt die Sub-Geschichte eines wissenschaftlichen „Unbewuss­ten“, in dem wir auf eine Vielzahl von Spuren des Religiösen stossen. Technik und Wissenschaft weisen eine eigentümliche religiös-säkulare Ambivalenz auf. Man gewinnt sogar den Eindruck, um hier den französischen Wissenschaftsphilosophen Bruno Latour zu paraphrasieren („Wir sind nie modern gewesen“), dass wir gar nie säkular gewesen sind. Diesen Eindruck möchte ich kurz am Beispiel zweier Hauptspuren etwas verstärken.

Der Fortschrittsgedanke, namentlich in der Idee der Perfektionierung des Menschen, speist sich aus einem ursprünglich religiösen Kernmotiv, das die Moderne über eine verborgene Traditionslinie mit dem ersten christlichen Jahrtausend verbindet. Damals sahen sich die „mechanischen Künste“ von der kirchlichen Elite eher gering geschätzt. Es war der Philosoph Johannes Scotus Eriugena (9.Jh.), der eine Neuinterpretation vornahm und in der Nützlichkeit der technischen Artefakte nicht nur eine praktische, sondern auch eine spirituelle Komponente erkannte. Das Heil, so Eriugena, kann buchstäblich erarbeitet werden in weltlichen Anstrengungen, nicht zuletzt durch technische Innovationen. Die mechanischen Künste zu pflegen, zu verbessern und zu vervollkommnen heisst, den „gottgleichen“ Zustand des Menschen wiederherzustellen.

Religio – die Rückbindung des Menschen an Gott – wurde so auch zur technischen Aufgabe. Sie ist es, in Kreisen moderner Techniker und Wissenschafter, heute noch. Das künftige Paradies ist das technisch wiedergewonnene Paradies. Wernher von Braun, einer der Väter der Raumfahrt, sah im Aufstieg der bemannten Raketen eine evangelisierende Mission und einen milleniaristischen Neubeginn für die Menschheit. Der angesehene Molekulargenetiker Robert Sinsheimer sprach davon, dass wir die „Sprache entdeckt haben, in der Gott das Leben erschuf“. Und der Nobelpreisträger Walter Gilbert sieht im menschlichen Genom schlicht den „heiligen Gral“ der Humangenetik. Der Cyberspace nährt Unsterblichkeitsträume von einer körperunabhängigen, in die Netzewigkeit geladenen elektronisch-spirituellen Existenz. „Es wird sein wie der Himmel“, psalmodierte der MIT-Professor Marvin Minsky.

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Wir kennen Max Webers berühmtes Wort von der Entzauberung der Welt. Schaut man aber etwas genauer hin, entdeckt man, dass wir erstaunlich „entzauberungsresistent“ sind. Die Astrophysik lehrt uns zwar, dass eine Sternschnuppe ein Meteorit ist, also ein Naturereignis, viele Menschen lesen aber nach wie vor irgendwelche Zeichen darin. „Die Heiden schreiben, der Comet entstehe auch natürlich, aber Gott schafft keinen, der nicht bedeute ein gewisses Unglück,“ notierte Luther im 16. Jahrhundert. Und der französische Arzt Ambroise Paré – ein Wegbereiter der modernen Chirurgie – diskutierte zur selben Zeit Missbildungen bei Kindern in diesem doppelten Sinn: Sie haben ihre Ursache im ausschweifenden Leben der Eltern und sind gleichzeitig Missfallenszeichen Gottes für Lasterhaftigkeit.

Diese Mentalität lebt heute weiter, vielleicht sollte man sagen: heute mehr denn je. Der Himmel wird nach wie vor von Astrophysikern nach Signalen aus den Tiefen des Universums und von Astrologen nach Zeichen vor- oder nachteiliger Sternenkonstellationen durchforscht. Evangelikale Fundamentalisten deuten Aids als Strafe Gottes für Homosexualität. Dem scharfen gläubigen Auge des ägyptischen Geologen Zaghloul El-Naggar ist nicht entgangen, dass der Tsumani 2004 eine moralische Intervention Gottes gegen den Westen war. Warum hat dann die Flut Südostasien und nicht die amerikanische Westküste heimgesucht? Weil die betroffenen Länder die Unmoral der Touristen zugelassen hätten.

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Aus der These, dass wir nie säkular gewesen sind, kann man mindestens zweierlei Schlüsse ziehen. Zum einen eine „Rückkehr des Religiösen“. Jürgen Habermas beschreibt bekanntlich die fehlende Dimension des Religiösen als dramatische Mangelerscheinung modernen Lebens. Er spricht von einer „entgleisenden“ Säkularisierung, die sich speziell in den überspannten bio- und neurowissenschaftlichen Erklärungsansprüchen äussere. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen eines vormodernen religiösen Weltverständnisses, das sich durch die Defizit-Diagnose bestätigt und beflügelt sieht, nunmehr den Menschen wieder auf das Gleis der Rechtgläubigkeit zurückzuführen.

Angestrebt wird dies heute im Geist einer Horizonterweiterung, in die Papst Benedikt XVI. gläubige und wissenschaftliche Vernunft einzuspannen sucht. In seiner Regensburger Rede forderte er die moderne Intelligenz auf, Wissenschaft und Glauben auf neue Weise zusammenzuführen, indem „wir die selbst verfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.“ Das klingt vordergründig gut und versöhnlich, aber die „Weite der Vernunft“ meint natürlich Gottes Vernunft. Man lese z.B. Folgendes: „Es gibt (..) eine Rationalität der Materie selbst. Man kann sie lesen. Sie hat eine Mathematik in sich, sie ist selbst vernünftig, selbst wenn es auf dem langen Weg der Evolution Irrationales, Chaotisches und Zerstörerisches gibt. Aber als solche ist Materie lesbar.“

Einem modernen Naturwissenschafter sagen solchen Sätze schlechtweg nichts. Sein Naturkonzept, das keine Vernunft in der Natur kennt, ist inkompatibel mit einem Naturkonzept, das eine solche Vernunft „in der Materie“ als evident voraussetzt. Selbstverständlich kann man Spuren göttlicher Vernünftigkeit in der Natur lesen. Einen solchen Anspruch erhöbe die „selbst­beschränkte“ wissenschaftliche Vernunft allerdings nie. Wie aber kann sie dann einem Glaubensanspruch noch seriös begegnen, wenn dieser ausdrücklich die Falsifikation „überwunden“ und das Nicht-Falsifizierbare in den Zuständigkeitsbereich einer „weiten Vernunft“ hereingenommen hat? Die Antwort fällt leicht: man begegnet sich nicht, man redet windschief aneinander vorbei.

Im bedenklichsten Fall streckt die wissenschaftliche Rationalität ihre Waffen der Kritik vor einer „Rationalität“, die sich auf die Transzendenz, d.h. auf das Nicht-Falsifizierbare, beruft. Habermas ist dem religiösen Weltverständnis so weit entgegengekommen, dass er im Namen eines Respekts vor der Authentizität religiösen Glaubens von säkular gesinnten Wissenschaftern und Philosophen eine „kognitive Urteilsenthaltung“ einfordert. Das ist – um das Mindeste zu sagen – höchst zweischneidig. Respekt gilt – wenn überhaupt – der gläubigen Person, nicht aber den Glaubensinhalten. Das käme der Rücknahme einer der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung gleich. Der Berliner Philosoph Héctor Wittwer spricht zu Recht spricht vom „skandalösen“ Ansinnen eines „falsch verstandenen Respekts“ vor dem Glauben.

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Falsch verstandener Respekt – ihn gibt es auch vor der Wissenschaft, oder besser: vor einem heute oftmals dreist und unsensibel auftretenden Szientismus, der Religion als ein zu überwindendes Stadium der Menschheitsentwicklung betrachtet, Gott als Nervensache oder das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz unter dem Aspekt des Selektionsvorteils bzw. -nachteils abhakt. Diesem vulgären Aufkläricht gilt es in Erinnerung zu rufen, dass, solange Menschen existieren, die Welt uns ein sinnhaftes Gesicht zukehrt - wissenschaftlicher Entzauberung und „Sinnentleerung“ zum Trotz. Nenne man diesen Trotz Atavismus, Irrationalität oder geistige Unreife, der menschliche Hunger nach Bedeutung in Gestalt von Zeichen und Wundern, aber auch nach  narrativer Nahrung in Gestalt von Erzählungen, Mythen, Legenden wird durch die wissenschaftliche Erklärung nicht gestillt.

Religion hat eine Quelle, aus der sie diesen Durst stillen kann: Transzendenz. Aber als Hüterin der Transzendenz kann sie da, wo der weltliche Erklärungsübereifer in seine Schranken gewiesen wird, nun nicht ihrerseits das Überweltliche bemühen, um den exklusiven Anspruch auf Sinnstiftung und auf Fundierung etwa von Menschenrechten theologisch zu zementieren. Hier setzt denn auch die Arbeit an der anderen Front ein: Daran zu erinnern, dass Orientierung am Jenseits vielleicht für das Zusammenleben im Diesseits hilfreich ist, es aber nicht verbindlich begründet.

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Ich möchte also die These, dass wir nie säkular gewesen sind, auf eine andere Art verstehen, nämlich als Appell, die kritische Arbeit der Aufklärung neu aufzunehmen, nunmehr an zwei Fronten: an der wissenschaftlichen und an der religiösen. Es gibt sowohl eine falsche Feindschaft wie auch eine falsche Versöhnlichkeit zwischen Wissenschaft und Religion. Wenn die erste Aufklärung den Menschen mittels wissenschaftlicher Rationalität aus seiner Bevormundung durch Religion zu befreien suchte, müsste eine zweite Aufklärung die Fortschritte der wissenschaftlichen Rationalität aus der Perspektive des von ihr Verdrängten analysieren. Pointiert: Wir verstehen das Projekt Wissenschaft nur, wenn wir es in seiner säkular-religiösen Ambivalenz wahrnehmen. Zu begreifen wäre mit anderen Worten, dass Wissenschaft und Religion Partnerinnen der Weltdeutung sind, die sich fremd bleiben müssen, um sich zu vertragen. Wissenschaft überwindet nicht, sie verdrängt das Religiöse, und bestärkt gerade dadurch das Bedürfnis nach ihm. Wir benötigen durchaus die „Weite“ der Vernunft: einer Vernunft, die Wissenschaft und Religion als Versuche des Menschen versteht, Gast, und nicht Fremder in dieser Welt zu sein. Ich plädiere deshalb für einen neuen Typus des säkularen Bürgers - jenes nämlich, der einsieht, dass die (totale) Säkularisierung misslingt.