Samstag, 3. März 2012

Oekologie der Aufmerksamkeit





Waldaffen, die keinen Augenkontakt haben, sichern sich ihren sozialen Zusammenhalt durch permanentes Geschnatter. Primatologen nennen dies „hedonistische“ Bindung, also Zusammenhalt durch Lust und Freude an der Kommunikation. Affen, die sich verstreut in der offenen Savanne bewegen, Meerkatzen oder Paviane zum Beispiel, suchen diesen Zusammenhalt durch den ständigen Augenkontakt mit dem Alphatier, das sozusagen das Zentrum der Aufmerksamkeit bildet. In der Sprache der Affenkunde: „agonistische“ Bindung, also Zusammenhalt durch Kampf, Konkurrenz, Dominanz, Subordination. Auch Tiere am Rand der Gruppe schauen ständig, was im Zentrum vor sich geht, und manche Affen sollen deswegen sogar das Fressen vergessen.

Der Mensch des Netzzeitalters passt gut zu diesem Primatenverhalten. Haben wir keinen Augenkontakt im Dschungel der Information, greifen wir zum Handy und schnattern mit den andern Affen. Und wenn wir nicht schnattern, starren wir auf Alpha-Primaten in den Medien, die neuerdings „Celebrities“ genannt werden. Eine Celebrity ist eine Person, die es in den Medien schafft, eine Bindungskraft auf die frei flottierende Aufmerksamkeit der Konsumentenmasse auszuüben. In der Physik nennt man eine solche Kraft zentripetal, weil sie auf ein Zentrum hin wirkt. Eine Celebrity ist also das Resultat eines gebündelten zentripetalen Starrens der medialen Affenherde. Für die Bündelung sorgen traditionell Klatschpresse, TV-Show, Paparazzi: die ganze Celebrity-Maschinerie. Neu ist heute, dass Celebrities nicht notwendig Berühmtheiten im Sinne von Rock-, Sport- oder Filmgrössen sind. Der Rekrutierungskreis hat sich mit den neuen Foren wie Facebook, Twitter oder Youtube enorm vergrössert, die Möglichkeiten, auf dem Aufmerksamkeitsmarkt zu einem volatilen Objekt der zentripetalen Begierde zu werden, sind ins Unüberblickbare gewachsen.

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Der Überfluss an Information hat Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut werden lassen, mit dem wir wirtschaften müssen. Kommunikation basiert auf dem Austausch von Aufmerksamkeit, auf einem „Ausgeben“ und „Einnehmen“ von Beachtung. Die ökonomische Konnotation dieses fundamentalen intellektuellen und emotionalen Tauschhandels macht ein Sprachenvergleich einsichtig: auf Deutsch „schenkt“ man, auf Englisch „zahlt“ man Aufmerksamkeit (pays attention). Es erstaunt deshalb nicht, dass sich so etwas wie ein neues Paradigma in der Beschreibung und Erklärung menschlicher Transaktionen etabliert hat: die „Oekonomie der Aufmerksamkeit“. Eingeführt wurde der Begriff in den 1990er Jahren vom amerikanischen Physiker Michael A. Goldhaber, in Europa vom Architekten und Oekonomen Georg Franck. Letzterer prägte insbesondere das Konzept des „mentalen Kapitalismus“, also einer immateriellen Wirtschaftsform, die sich zunehmend unseres kulturellen und sozialen Lebens bemächtigt, mit den Charakteristiken des alten, materiellen Kapitalismus, als da sind: Beachtung anstelle von Geld als universeller Währung, Akkumulation von Aufmerksamkeit durch die Stars als „Kapitalisten“, Ausbeutung  in Gestalt jener grossen Masse von Fans, die keine Beachtung horten, sondern immer nur Beachtung ausgeben.

Die Engführung von Oekonomie und Geist schärft zweifellos den Blick auf eine neue soziale und kulturelle Dynamik der Mediengesellschaft, die sich scheinbar immer weiter von ihrer materiellen Basis entfernt. Aber sie blendet zugleich ein anderes Problem aus. Aufmerksamkeit und Umgebung, auf die sie gerichtet ist, gehören zusammen. Mit der Umgebung ändert sich auch die Aufmerksamkeit. Die Frage stellt sich, welche Arten von Aufmerksamkeit in den neuen medialen Umwelten gedeihen und welche verkümmern, eine Frage der Oekologie also. Aufmerksamkeit ist nicht einfach Ressource, sie ist die mentale Raffinerie, die den Rohstoff Information zu Wissen verarbeitet, das heisst, zu Information, die sich in mir setzt. Aufmerksamkeit ist ein Vermögen, das gelernt und gewartet werden muss. Traditioneller Ort solchen Lernens ist die Schule. Seit dem späten 18. Jahrhundert gehört die Aufmerksamkeit zum pädagogischen Schleifstein bürgerlicher Bildung und Disziplin. Wie steht es mit dieser Bildung und Disziplin beim Netzbürger?

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Seit einiger Zeit zeichnet sich in der Schule ein Umbruch ab, den man in der eingeführten Terminologie bündig so umreissen könnte: Die Lehrperson hat als Celebrity des Unterrichts ausgedient. Sie steht nicht mehr im Fokus der zentripetalen Schülerblicke, verdient nicht mehr „umsonst“ die Aufmerksamkeit der Klasse. Der Spiess scheint sich sogar zu wenden. War es einst der Schüler, der durch sein Verhalten und seine Leistung die Aufmerksamkeit des Lehrers zu verdienen hatte, so ist es heute vermehrt der Lehrer, der bei seiner Klientel um Beachtung buhlen muss.

Der Schüler, der während des Unterrichts klandestin die Gratiszeitung liest oder sein iPhone bedient, ist schon fast eine Emblemfigur. Dass Heranwachsende heute ihre Sozialisation und Enkulturation vorzugsweise über das Unterhaltungs-, Spiel- und Kommunikationsangebot der digitalen Medien erfahren, steht ausser Frage. Bildung migriert sozusagen von den physischen Lehrpersonen, Lehrbüchern und Klassenzimmern hinüber zu den selbstgewählten virtuellen Plattformen. Das Bildungsmonopol der Schule bröckelt, und die Promotoren des Lernens 2.0, die sich als neue Elite verstehenden „Digerati“, feiern das Netz grosssprecherisch als Emanzipation von alten „diktatorischen“ Erziehungsstrukturen.

Genau an dieser Stelle aber muss die Frage nach den Formen der Aufmerksamkeit in den neuen Medien ansetzen. Genauer: Wir brauchen eine Komparatistik der Aufmerksamkeiten, dies umso mehr, als sich mit den elektronischen Medien nun der Vergleich mit etwas wirklich Anderem anbietet. Falsch wäre es, daraus auf das Verschwinden der herkömmlichen Medien, speziell des Buchs, zu schliessen. Ich halte eine andere Entwicklung für wahrscheinlicher. Traditionell gibt es zwei Textaufmerksamkeiten, nennen wir sie die stilistische und die substanzielle. Man kann auf den Text selbst (seinen Stil) und man kann durch den Text auf den Inhalt (seine Substanz) aufmerksam sein.
Die elektronischen Medien haben diese beiden Grundeinstellungen erweitert, vor allem in der stilistischen Dimension. Die multimodalen Umgebungen gestatten einem Autor nunmehr, nicht allein durch Geschriebenes Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sondern z.B. auch dadurch, dass er sich selber visuell und auditiv ins Spiel bringt, eine Erläuterung oder Kritik seines Texts abgibt. Die Schrift beginnt zu sprechen. „Mentopolis“ zum Beispiel - das Hauptwerk Marvin Minskys, eines Pioniers der Artificial Intelligence - gibt es auch auf CD-ROM. Und in der elektronischen Version kann man nicht nur Text lesen, sondern auch Minsky zuhören; wenn man nämlich gewisse Felder anklickt, tritt er auf den Bildschirm und hält gestikulierend eine kleine Vorlesung. Auf diese Weise ersetzen die neuen Technologien nicht die alten Kommunikationsmittel, sie verleihen ihnen vielmehr neue Bedeutung. Das Buch wird zur Option in einer erweiterten Palette von literarischen und nicht-literarischen Äusserungsmöglichkeiten. Ins Netz gestellt, wird es so etwas wie eine Website. Wie sich dies auf die Lese- und Schreibpraktik der Zukunft auswirkt, bleibt abzuwarten. Inzwischen erinnert man sich an McLuhans Einsicht, dass Aenderungen in der stilistischen auch Aenderungen in der substanziellen Dimension zur Folge haben. So scheint sich z.B. durch die interaktive Blogkultur immer mehr ein Stil durchzusetzen, den der amerikanische Essayist Caleb Crain „Gruppismus“ (groupiness) genannt hat: Man schreibt und liest primär nicht um des Inhalts willen, sondern um dazuzugehören. Die Affen im Wald winken ...
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Es ist abzusehen, dass bei künftigen Generationen der Umgang mit den neuen Medien ins Unbewusste sinken wird, so wie ja auch der Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit im Wesentlichen auf der Routine, dem Unbewusstwerden des Mediums Alphabet beruht. Dieses Einsinken der neuen Technologien in das Verhalten der Digital Natives ist meiner Meinung nach das zentrale anthropologische Ereignis in der heutigen Gesellschaft. Kürzlich las ich in einem Blog, dass man in Internetforen Konzentration und vertiefendes Nachdenken als „obsessiv“ bezeichne und Leute mit diesen Fähigkeiten als „gruselig“ gelten. Schon seit einiger Zeit weisen Medientheoretiker auf einen technik-induzierten Umbau in unserer mentalen Disposition hin (ich lasse hier für einmal die Hirnforscher ausser Acht). Peter Matussek z.B. hat zu bedenken gegeben, dass die Lebensbedingungen im Informationszeitalter eine neue Datenjäger-und-sammler-Kultur entstehen lassen, die entsprechende Tugenden wie Vigilanz brauche, also die Fähigkeit, möglichst schnell seine Aufmerksamkeit von einem Objekt auf das andere zu verschieben, so wie ehedem bei den Prähominiden der vorsesshaften Zeit. „Sesshaftigkeit“ der Aufmerksamkeit gehört so gesehen zu einer vor-digitalen Aera.
Der weitere Gedankenschritt zur Uminterpretation liegt dann nahe: Störungen wie Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) sind im Grunde normal, und einstige Tugenden wie Konzentration und Fokussieren werden zum Krankheitsfall. Genau dies ist die These des amerikanischen Hansdampfs Thom Hartmann in seinem Buch „Eine andere Art die Welt zu sehen“: Statt von Aufmerksamkeits-Störung solle man doch eher von „Aufgabenswitch-Störung“ (Task-Switching-Deficit-Disor­der, TSDD) sprechen. Wer also wie er permanent von einem Job zu nächsten „switcht“ – Journalist, Romanautor, Verleger, Pilot, Entwicklungshelfer, Privatdetektiv, Alternativmediziner, Elektrotechniker, Firmenberater, Gründer von Gesundheitszentren und Heimen -, ist der Mustertyp der heutigen Berufswelt; wer sich dagegen lange einer einzigen Aufgabe widmet, riskiert womöglich bald schon, als „Ueberfokussierer“ ins psychiatrische Manual aufgenommen zu werden.
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Hartmanns Umwertung hat einen polemischen Einschlag (er leidet selber unter ADHS), aber sie ist insofern ernst zu nehmen, als sie sogenannte „Defizite“ und „Schwächen“ relativiert und in einen jeweiligen historischen, sozialen und kulturellen Kontext einbettet. Dadurch akzentuiert sie noch ein weiteres, wahrscheinlich nachhaltigeres Problem. Denn spricht man von „Oekologie“ der Aufmerksamkeit, fällt schnell ein Schatten über den Begriff. Wie in der Biologie fragt sich auch in der Kultur: Sterben gewisse Aufmerksamkeitsarten aus? Altehrwürdige Kulturtechniken wie das Lesen eines Buches, das Schreiben von Hand, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht, das konzentrierte, geduldige Verfolgen einer Aufgabe? Wer so fragt, dramatisiert natürlich, und es mangelt heute nicht an Autoren, die die alten und neuen Medien zu einem Grosskampf der Kulturen aufbieten.
Eine solche Frontenbildung verdeckt aber das eigentliche Problem, nämlich Aufmerksamkeitsarten in den neuen medialen Umwelten auszubalancieren. Und das bedeutet auf individueller Ebene, dass jeder Techniknutzer für sich ein labiles Gleichgewicht zwischen Sammlung und Zerstreuung, Geduld und Ungeduld, Informationssättigung und Neugier findet. Nicht die Aufmerksamkeit ist das knappe Gut, sondern die Zeit. Als ersten Schritt empfehle ich deshalb einen kleinen Selbsttest. Man sitze irgendwo hin – möglichst an einen reizarmen, belanglosen, unhektischen Ort – und schenke der Umgebung während einer Viertelstunde seine volle Aufmerksamkeit: dem Boden der Dusche, einer Kiste voll rostigen Schrotts, einem Stück Rasen am Bahnbord, dem Bildschirm des ausgeschalteten Computers. Halte ich diesen Offline-Modus aus? Wer das kann, lernt, dass wahre Aufmerksamkeit zu tun hat mit dem Ertragenkönnen von Leere und Langeweile. Mit Wartenkönnen. „Das Warten ist gewissermaßen die ausgefütterte Innenseite der Langenweile,“ lautet ein wunderschöner Satz von Walter Benjamin. Warten lässt einen in einer Gegenwart ankommen, aus der man sich nicht herausklicken kann - bei sich selber. Wahre Aufmerksamkeit ist – ernst genommen - eine Ex­trem­erfah­rung.
Diese Entdeckung erinnert an eine buddhistische Anekdote: Ein Schüler sieht, wie sein Meister beim Morgenessen die Zeitung liest und Radio hört. „Aber Meister,“ sagt der Schüler, „du hast uns doch gelehrt, immer nur eines zu tun, beim Essen ganz beim Essen zu sein, beim Lesen ganz beim Lesen, beim Hören ganz beim Hören.“ „So ist es“, erwidert der Meister, „ und wenn man isst-und-liest-und-hört, dann soll man ganz beim Essen-und-Lesen-und-Hören sein.“ 

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