Montag, 16. Januar 2012

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er sich langweilt

wird in "Scheidewege" 2012 publiziert





Was tut der Mensch, wenn er sich langweilt? Vieles. Zum Beispiel legt er Feuer an Häuser. Schlägt einen unbekannten Passanten zusammen. Oder harmloser, er zählt seine Niesanfälle. Wie der Brite Peter Fletcher, der im Laufe von 1249 Tagen auf 2267 Reizattacken kam, und eigener Angabe zufolge schon niesen muss, wenn er einen Anfall notiert. Oder er führt Buch über seine Krawattensammlung wie James Ward. Er zählte im Juni 2010 55 Exemplare, 45.5% davon einfarbig. Im Dezember war die Kollektion um 36% gestiegen, die Zahl der einfarbigen Krawatten hatte um 1.5% abgenommen. „Die Krawatten wurden leicht farbiger,“ schlussfolgerte er unwiderstehlich.

Typisch britische Snobs? Nein, ganz normale Leute, die sich langweilen. Genauer: Leute, die etwas aus ihrer Langeweile machen; Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einer Konferenz im Dezember 2010 in London. Ihr Titel: Boring 2010. Dem Initianten, dem Krawattenstatistiker James Ward, kam die Idee dazu, als er hörte, dass eine „Interesting Conference“ abgesagt worden war. Als Witz twitterte er in die Welt, man müsste doch stattdessen eine Konferenz über Langeweile veranstalten. Zu seiner Überraschung antworteten ihm Dutzende von Enthusiasten der Langeweile – Enthusiasten im ursprünglichen Sinn des Wortes: „vom Geist (oder Gott) der Langeweile Erfüllten.“

Überraschen kann das eigentlich kaum. Wir alle langweilen uns. „Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden,“ schrieb Goethe in „Maximen und Reflexionen“ (918). Moderne Verhaltensforscher würden ihn freilich eines anderen belehren. Affen langweilen sich fürwahr. Besonders in Gefangenschaft. Sie essen dann z.B. ihre Exkremente. Andere wiederum sind einfallsreicher, wie der alte Schimpanse Santino in einem schwedischen Zoo. Vor Toröffnung sammelte er Steine und baute am Rand des Freigeheges mehrere versteckte Munitionsdepots auf. Von da aus attackierte er dann die perplexen Besucher mit seinen Geschossen. In den Medien wurde Santino als „durchtrieben“ bezeichnet. Vielleicht langweilten ihn aber auch nur die täglich monoton vorbeiziehenden Hundertschaften von komischen anderen Affen, weshalb er zur nachvollziehbaren Befreiungstat aus seiner tristen Gemütslage schritt.

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Nichts ist spannender als Langeweile. Sie hat viele Gesichter. Und sie hat eine lange und reiche Geschichte. Ein Graffito auf einer alten pompejianischen Mauer besagt: „Mauer, ich wundere mich, daß du noch nicht in Trümmer zerfallen bist, weil du die lästige Langeweile so vieler Inschriften ertragen mußt.“ Was man dahin deuten kann, dass der Vandalismus aus Langeweile schon in der Antike sich öffentlichen Ausdruck zu verschaffen wusste. Im christlichen Mittelalter rangierte Langeweile unter den Hauptlastern, als „Mönchskrankheit“ (acedia, taedium vitae). Sie führt nicht nur zu Trägheit, sondern macht auch anfällig für Heimsuchungen sexueller Art, die den armen enthaltsamen Mönch vor allem zur schläfrigen Mittagszeit als „Mittagsdämonen“ plagen. In der frühen Neuzeit gelangte das Werk eines depressiven Bücherwurms zu Berühmtheit, die „Anatomie der Melancholie“ von Robert Burton, der in der Überbelesenheit (heute würde man sagen: Überinformiertheit) die Quelle der gelangweilten Existenz ausmachte. Nicht wenige Kulturhistoriker sehen in der Aufklärung die Geburtsstunde moderner Langeweile. Gründe: wachsende Mussezeit und Glaubensverlust durch das rationale wissenschaftliche Weltbild; Individualismus als Loslösung des Menschen aus Traditionsbindung und Gemeinschaftsloyalität. Philosophen wie Jean Paul Sartre, Albert Camus oder Martin Heidegger haben die Langeweile  - neben Ekel, Sorge und Angst – zu einer existenziellen Grundstimmung des 20. Jahrhunderts erhoben.

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Langweilte sich ein römischer Latrinenkritzler auf die gleiche Art wie sein heutiges Pendant? Die Frage versetzt uns mitten in die altbekannte Debatte zwischen Natur- und Kulturwissenschaften: Sind Phänomene wie Langeweile von der menschlichen Natur her erklärbar oder sind sie sozial, historisch, kulturell, genderspezifisch oder was weiss ich wie „konstruiert“? Ob und inwieweit wir es mit einem menschlichen Gattungsmerkmal oder mit einem „sozialen Konstrukt“ zu tun haben, sei hier dahin gestellt. Mich interessiert vielmehr ein Aspekt der Langeweile, der meiner Ansicht unterschätzt wird, aber wie kaum ein anderer unser Leben in der postindustriellen Gesellschaft charakterisiert. Peter Toohey, Literaturprofessor in Calgary, hat ihn in seinem anregenden Buch „Boredom. A Lively History“ (2011) entwickelt. Bisher, so die Hauptthese dieser „flotten Geschichte“,  waren wir zu sehr auf „höhere“ Formen der Langeweile konzentriert, will sagen: auf kulturell respektable Manifestationen in Kunst, Literatur, Philosophie. Langeweile  aber ist kein Prärogativ von Intellektuellen, sie ist ein banales Vorkommnis in den Niederungen des Alltags, das man gerade aufgrund seiner Banalität ernst nehmen muss.

Bei „banaler“ Langeweile denkt man am besten an zwei Gehäuse: Käfig und Tretmühle. Sie symbolisieren zwei Ursituationen: Gefangenschaft und Sättigung, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Gefangen kann ich in einem geschlossenen Raum oder in einem geistlosen Referat über Langeweile sein; gesättigt nach zuviel Sushis oder nach der immergleichen Erklärung von Langeweile als eines sozial konstruierten Phänomens. Genereller: Gefangen bin ich in einer geregelten und vorhersehbaren Situation, im Kokon von Gewohnheiten, aus dem die Flucht schwierig erscheint; gesättigt in einer Tretmühle von repetierten und stereotypischen Erfahrungen und Tätigkeiten.

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Für beide Situationen bietet die Arbeitswelt ein Paradebeispiel. Das herkömmliche (protestantische) bürgerliche Ethos empfahl die Erwerbsarbeit als Rezept gegen Langeweile und Laster. Aber die industrielle Revolution machte Langeweile zum Arbeitsalltag. Öde Routine, auslaugende Plackerei, monotones Hantieren in der Fabrik sind sprichwörtlich. Hat uns das postindustrielle Zeitalter weiter gebracht? Wie es scheint, verändert der Umzug von der lärmenden Fabrikhalle ins computerisierte Büro nur die Art der Langeweile. „Würde man ein Gesetz der Automation aufstellen, dann müßte es lauten: ‚In einer mechanisierten Welt ist ein weitverbreitetes sich verstärkendes Gefühl der Langeweile das Hauptprodukt,’ schreibt einer der Gurus der Büroforschung, Cyril Northcote Parkinson. Die französische Staatsangestellte Amélie Boullet sorgte 2010 mit ihrem Buch „Absolument debordée“ (unter dem Pseudonym Zoé Shepard) für einen Skandal, als sie die Langeweile des Büroalltags in der Verwaltung beschrieb: „In (meiner) Abteilung besteht das Geheimnis von Ruhm und Erfolg darin, den Eindruck grösstmöglichen Arbeitseifers zu erwecken also leere ich umgehend meine Tasche aus und bereite ihren Inhalt sorgfältig auf meinem Schreibtisch aus. Sobald jeder Quadratzentimeter bedeckt ist, bin ich offiziell bereit, mit meiner (..) Scheinarbeit zu beginnen.“
Schon vorher hatten die beiden Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter R. Werder den Begriff des Boreout –  des „Ausgelangweiltseins“ - kreiert, um einem verbreiteten Phänomen am computerisierten Arbeitsplatz einen Namen zu geben. Man hat eigentlich nicht nichts, sondern nicht das Richtige zu tun. Durch eintönige Aufgaben fühlen Menschen Desinteresse an der eigenen Tätigkeit, Langeweile oder Unterforderung. Sie beginnen Arbeit und Engagement zu simulieren. Das Phänomen zeigt ein tiefer liegendes Problem in der gegenwärtigen Arbeitswelt an. Boreout wird vorwiegend im Dienstleistungsbereich beobachtet, bei Arbeitsformen, die an Computer delegiert werden können. Das Syndrom zeigt sich kaum bei Schweissern oder Schreinern, bei Leuten also, deren Arbeit sich schwerlich outsourcen oder simulieren lässt. Könnte es sein, dass sich auch in der Arbeit eine Kluft zwischen Realität und Virtualität auftut? Je mehr wir unsere Aktivitäten – körperliche und geistige – an künstliche Systeme delegieren, desto mehr scheinen wir an den „Entzugserscheinungen“ zu leiden. Der Mensch braucht – so scheint es -  ein gesundes Mass an handwerklicher, an köperlicher Betätigung – an „Rundumstimulation“ sozusagen. Man halte sich einmal den Boom von „regenerativen“ Fitness- und Wellnesspraktiken, von Heimwerkeln und Schrebergärtnern vor Augen. Äussert sich nicht just hier so etwas wie eine weit verbreitete Fluchtbewegung aus der Langeweile heutiger Arbeitsformen, die unsere Körper immer entbehrlicher erscheinen lassen?

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Möchte man meinen. Aber die Flucht aus der Arbeitslangeweile in die Freizeit entpuppt sich immer öfter als Flucht vor dem Regen in die Traufe. Eine gewaltige Industrie drängt uns zwar alles nur Erdenkliche auf, um unser Leben Schritt auf Tritt von Langeweile zu säubern: Spass und Unterhaltung nennen wir das gewöhnlich. Aber im Grunde ist das – wie wir seit Adorno wissen - nicht spassig. Freizeit wäre ja eigentlich die Zeit, über die man frei verfügt, sogenannt „verhaltensbeliebige“ Zeit. So beliebig ist sie jedoch gar nicht. Der Freizeitgesellschaft geht die freie Zeit aus. Unterhaltung entpuppt sich bei genauerer Prüfung als Industrie, die unserem Verhalten die Beliebigkeit austreibt. Ziel: Abrichtung unserer Aufmerksamkeit auf immer neue Stimulationen. Die Pausen zwischen den Momenten erhöhter Stimulation werden enger und enger, und sie drohen zu verschwinden (man denke an die vielgepriesene „Erlebnisdichte“ von Reisen). Wenn aber die Höhepunkte nicht mehr voneinander unterscheidbar sind, werden sie gleich gültig; das Nonplusultra wird fade, das Exotische banal. Wir sitzen in der Sättigungsfalle.

Zwei bekannte alltägliche Symptome sind Neomanie und Dromomanie: die Sucht nach immer Neuem (die Sensation, das Risiko, der „challenge“) bzw. die Bewegungssucht, das unkontrollierte Verlangen, nicht da zu sein, wo man gerade ist. Beide können als Ausbruchsversuche aus den Ursituationen der Langeweile betrachtet werden. Die Neomanie als Ausbruch aus der Monotonie (Bitte etwas Neues!), die Dromomanie als Ausbruch aus dem Käfig (Bloss weg von hier!). Was sie von ihren normalen Geschwistern - Neugier und Bewegungsdrang – unterscheidet, ist ihre eingebaute Haltlosigkeit, im Klartext: die einkalkulierte Langeweile. Die Ausbrüche aus Monotonie und Gefangenschaft führen nur wieder in neue Monotonie und Gefangenschaft, von einer Tretmühle in die nächste. Der Soziologe Martin Doehlemann hat das auf das Paradox gebracht: Vermehrung der Langeweile durch ihre unaufhörliche Bekämpfung.

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Langeweile hat – wie könnte es anders sein - auch ihr neurologisches Substrat. So beobachtet zum Beispiel die Londoner Psychiaterin Katja Rubia langweileartige Symptome – etwa Neuigkeitssucht - bei Pathologien wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom). Kinder, die an ADHS leiden, haben einen anderen Zeitsinn als normale. Ihre Unaufmerksamkeit rührt davon her, dass sie Phasen der Untätigkeit aufgrund ihres tiefen Dopaminspiegels viel schneller als langweilig empfinden. Sie suchen deshalb – so die Hypothese von Frau Rubia - sozusagen „Selbsthilfe“ durch gesteigerte Aktivität, durch die Flucht ins stets Neue und Risikoreiche,  um damit ihre Dopaminproduktion auf Touren zu bringen.

Jugendliche langweilen sich bekanntlich schnell und oft. Jeder im Schulbetrieb Tätige kennt das. Der amerikanische Psychologe  Adam J. Cox beschäftigt sich mit heranwachsenden Knaben und ihren Mühen, soziale Kompetenzen zu erlernen: Respektvollen Umgang mit andern, Altruismus, Empathie - „Zivilisiertheit“ (civility), wie er das nennt. Dabei konstatiert er schon seit einiger Zeit einen Schwund an Zivilisiertheit, d.h. impulsives und rücksichtsloses Benehmen, soziale Gleichgültigkeit. Und was aufhorchen lässt: diesen Schwund führt er weniger auf das üblicherweise diagnostizierte „Oppositionsverhalten“ von Heranwachsenden zurück, als viel eher auf eine fehlende soziale Kompetenz: Umgehenkönnen mit Langeweile. Es gibt, ist man hier versucht zu sagen, nicht nur ein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, sondern auch ein Langeweile-Defizit-Syn­drom.

Cox redet Klartext: „Vor fünfzig Jahren erfolgte ein Ausbruch von Langeweile vielleicht nach zwei Stunden Nichtstun. Heute können sich Knaben nach dreissig Sekunden gelangweilt fühlen, wenn sie nichts Besonderes zu tun haben. (..) Ihr Leben ist voller elektronischer Gadgets  - Games, Videos, Computer, Phones – (..) und diese allgegenwärtige batteriengespeiste Kakophonie aus multisensorischem Junk Food kann Jungen stundenlang in ihren Bann ziehen.“ Cox sorgt sich darüber, dass die Therapien den Effekten hinterherhinken, welche all die Elektronik auf das Innenleben junger Männer ausübt. Langeweile vertrage sich einfach nicht mehr mit dem Lebenstempo, das viele Knaben mit Stärke und Wohlbefinden assoziieren.

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Pointiert gesagt, basiert ein Grossteil heutiger Wirtschaft auf dem gelangweilten Konsumenten. Denn der Konsum von Gütern soll Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befrie­digen, dass sie neue Bedürfnisse nähren. Hannah Arendt sah das klar: „Das Funktionieren der modernen Wirtschaft (..) verlangt, dass alle weltlichen Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden; sie würde sofort zum Stillstand kommen, wenn die Menschen anfangen würden, Dinge in Gebrauch zu nehmen, sie zu respektieren und den ihnen innewohnenden Bestand zu erhalten.“

Die Tretmühle muss in Gang gehalten werden. Kann man sie zum Stillstand bringen? Will man es überhaupt? Ich zweifle. Eine Idee wäre, temporär das Treten zu lassen. Das würde eine Art von Langeweile als Gelassenheit bedeuten: das Ertragen von leerer Zeit im massierten Andrang der Angebote, sie immerfort zu füllen; das lange Weilen in Pausen der Stimulation. Das heisst aber: Langeweile muss gelernt, geübt werden, in individuellen kleinen Alltagsexerzitien oder –ri­tualen, z.B. dadurch, dass man diesen Essay zu Ende liest. Man braucht kein Existenzphilosoph oder Zen-Buddhist zu sein, um das Zeitdiktat der alles zersetzenden postindustriellen Ökono­misierung aufzubrechen. Das Einge­ständnis genügt, dass man sich langweilt und sich dazu bekennt. Womöglich ist gerade dieses Bewusstsein eine Prophylaxe gegen Agression oder Depression, die schon fast epidemischen Auswüchse der Langeweile. Den Schriftsteller David Foster Wallace, der sie in seinem Roman „The Pale King“ empfahl, hat sie tragisch-ironischerweise nicht vom Suizid abhalten können.
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Im Gedenken an ihn plädiere ich dafür, Langeweile in unser Fitnessprogramm aufzunehmen, wie etwa Joggen: Jeden Tag eine Viertelstunde Langeweile! Wir haben unser Leben in der heutigen Gesellschaft zu lange von der Polarität Arbeit-Freizeit her betrachtet; wir sollten es im Dreieck Arbeit-Freizeit-Langeweile verorten. Langeweile werden wir aus dem einfachen Grund nicht los, weil wir uns selbst nicht loswerden können. Das heisst, sie verhilft mir dazu, mich selbst zu sein. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er sich langweilt. Der Altmeister der Langeweile, Peter Bichsel, hat das schön auf den Punkt gebracht: „Die etwas schwerfällige, aber wunderbare Langeweile hat eine lustige, schöne aber böse Schwester - sie heisst Kurzweil. Sie versaut und verkürzt uns das Leben, denn jene leere Ecke in meinem Hirn, in der die Langeweile sich gemütlich breitmachen möchte, jene leere Ecke, in der die Langeweile zur Sehnsucht wird, das wäre wohl ich - ich ganz selber. Aber immer wieder ist sie besetzt von der schönen, bösen Schwester Kurzweil.“

Kurz, der Weg aus der Langeweile führt durch sie hindurch. Es gilt, sie von ihrem Stigma als Last und Laster zu befreien – sie zur Tugend zu erklären. Tun wir das, gibt sie sich vielleicht bedankend als das zu erkennen, was wir ihr nicht zuge­traut haben: als heimliche Komplizin des Glücks.

Slow School

Aus dem Kantimagazin KS Olten 2010-2011





Fast wie der Kriegsruf einer gegenkulturellen Bewegung ertönen heute die Konterwörter „slow“ oder „Entschleunigung“ gegen den Verfall der Sitten: Slow Food, Slow Travel, Slow City, Slow Business, Slow Money, Slow Community, Slow Reading, Slow Sex – warum dann nicht auch schön neudeutsch Slow School?

Was könnte das bedeuten? Der „Slow School“ müsste ja logischerweise eine „Fast School“ vorausgehen, so wie Slow Food eine Reaktion auf Fast Food markiert. Den Begriff prägte Carlo Petrini, ein italienischen Journalist, als 1986  in Rom ein McDonald-Imbiss eröffnet wurde. Was als Aktion zur Verteidigung der italienischen Produkte und Küche gegen die Überhand nehmende globalisierte Industria­lisierung der Ernährung begann, wuchs sich aus zu einer weltweiten Bewegung, die in der Bewahrung traditioneller Esssitten nichts weniger als eine gastronomische Rettung der Kultur sah. Slow Food soll den Gaumen gegenüber dem restlichen Verdau­ungstrakt rehabilitieren. Und Slow School?

Die Analogie erscheint so abwegig nicht. Zunächst geht es sicher um geistigen Stoffwechsel. Wir nehmen beim Lernen Wissenstoff auf und geben ihn z.B. bei Prüfungen wieder ab. Das kann „fast“ oder „slow“ erfolgen. Ich vermute, die gängige Praxis der Prüfungsvorbereitung fällt grösstensteils in die erste Kategorie. Der Wissensstoff wird als Schnellfutter verzehrt, das man in sich hineinstopft und nach der Prüfung möglichst umgehend wieder entsorgt: Hamburger-Wissen.

Die Analogie reicht indes tiefer. Es gibt eine Art von Kulinarik – „Kochkunst“ - des Wissens. Sie besteht darin, die Mittel kennen zu lernen, wie man Wissen in den verschiedenen Disziplinen präpariert, konsumiert und verdaut. Das geschieht in der Geschichte anders als in der Physik. So oder so handelt es sich um einen langwierigen, oft auch umwegigen Prozess, um das Gegenteil von direktem Wissen-in-sich-hinein-stopfen. Ihn müsste eine „Slow School“ umso mehr pflegen, als uns heute digitale Suchmaschinen und Enzyklopädien in der Illusion wiegen, Wissen sei auf die Schnelle zu besorgen wie der Hamburger bei McDonald. Dagegen führt man sich bei einem guten Essen nicht einfach nur Nahrungsstoff zu, man geniesst ihn, man schätzt seine Zubereitung, man achtet die Tradition. Die Verteidiger der Haute Cuisine mögen ja durchaus als elitär, versnobt, vielleicht auch als retro erscheinen. Aber Gourmet, Connaisseur, Kenner verkörpern eine Art von Wissen, das man sich nicht aus Lehrbüchern oder aus der Wikipedia holt, sondern in der langsamen Auseinandersetzung mit dem Stoff gewinnt. Es ist ein Wissen, das in einem sedimentiert. Genau das kennzeichnet ja die Lehrperson: Sie ist „expertus“, das heisst: sie hat das Wissen selbst – man könnte sogar sagen: am eigenen Leib - erfahren.
Zur „Slow School“ gehört im Besonderen die Routine. Sie steht heute nicht hoch im Kurs. Wiederholen, Auswendiglernen – das ist doch der alte geisttötende Drill der pädagogischen Feldweibel. Heute   übernimmt der Computer die Routine. Stattdessen propagiert der pädagogische Mainstream selbständiges Lernen, Kreativität, Interaktivität, eigene Sinnfindung und dergleichen mehr. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange man gleichzeitig bedenkt, dass Kreativität und Verständnis gerade aus der Routine wächst, aus einem Gespür für die Sache: aus Kennerschaft. Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine liegt nicht zuletzt darin, dass menschliche Routinen eingeübt, maschinelle programmiert werden. Wer etwas von Mathematik verstehen will, muss mathematische Operationen üben. Wer ein Gespür für die Feinheiten einer Sprache entwickeln will, muss auch Wörter büffeln. Im Gegensatz zur Maschine kann der Mensch aus Routinen ausbrechen. Und genau diese Befreiung aus Selbstverständlichkeiten charakterisiert echtes Verständnis: Man erkennt gewisse Dinge, die einem zuvor nur bekannt waren. Und dadurch erweist sich Bildung letztlich immer als Persönlichkeitsbildung, als Arbeit an sich selber. Eine solche Arbeit erfordert Zeit und Musse, weil sie sich nicht wie ein Modul von heute auf morgen in mich einbauen lässt. Wissen und Bildung, die sich nicht in der Person „setzen“, bleiben auf halbem Weg stecken – als Halbbildung, die sich heute gern mit Etiketten wie „Best Practice“ und „Wissensportfolio“ schmückt.
Auf das Risiko hin, mit einem kleinen bildungsbürgerlichen Abstecher zu langweilen, sei auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Schule“ hingewiesen. „Scholé“ im Griechischen bedeutet „Musse“: Innehalten der Arbeit. Nicht faulenzen, sondern sich auf etwas konzentrieren, etwas von allen Seiten betrachten. Bezeichnenderweise definierte man Arbeit ex negativo, als nicht mussevolles Tätigsein. Sie wurde von Unfreien, von Sklaven verrichtet. Auch das lateinischen Wort „otium“ für Musse deutet dies an. Aus seiner Negation leitet sich „negotium“ her: geschäftige Arbeit, die Not und Mühe um des Lebensunterhalts willen.

Daraus liesse sich ein paradox anmutender Gedanke spinnen: Schule als Ort der mussevollen Mühe; als Ort, wo man sich entspannt anstrengt, das heisst, nicht immer gleich fragt, wozu denn die Anstrengung diene, was sie „bringe“. Man kommt sich heute, lässt man diesen Gedanken etwas im Kopf kreisen, schnell einmal wie im falschen Film vor. Überall Hektik, Stoffdruck, Zeitnot, überall die Zwänge eines ökonomisch überhitzten Lebens im „negotium“. Allein von Bildung zu reden bringt einen in den verstaubten Geruch des Gestrigen. Nietzsche nannte schon zu seiner Zeit solche Institutionen „Anstalten der Lebensnoth“. Heute ist Wissensmanagement gefragt, die operative Handhabung des Wissens. Ein Modul hier, ein Modul da, und schon ist man gerüstet für die freie Wildbahn des Arbeitsmarktes. War das Gymnasium früher Reproduktionsanstalt für die Bildungsbürgerelite, so mutiert es heute zur „Fast School“, zum Humannachschub-Versorger für die Dienstleitungs- und Medien­gesell­schaft. Was soll da Bildung?
Ich stimme kein Klagelied auf den Niedergang von Schule und Bildung an. Ich plädiere für eine Aufwertung der Schule als Ort des Erinnerns - analog zur Aufwertung der guten Küche, die ja auch unser Gedächtnis wachhält für die Traditionen der Speisezubereitung, für die „Weisheiten“ des Genusses. Und schliesslich: Sollten wir vergessen haben, dass Wissen vom lateinischen Wortstamm her – sapere – auch Schmecken bedeutet? Für eine Schule, die in ihrem Leitbild ausdrücklich die „Freude am Lernen“ anführt, könnte dies also auch heissen: Geschmack finden am Lernen. Der Kreis zum Kulinarischen schliesst sich. Ich schlage vor, „Slow School“ gewissermassen als leises Memento zu begreifen, das unseren Unterricht stets begleitet: Nimm dir Zeit für das, was du lehrst und lernst - nimm dir die Musse dazu - wie bei einem guten Essen. Wer fragt sich bei einem geselligen und lukullischen Mahl: Wozu dient das?
„Es gilt als ausgemacht, dass die Glückseligkeit sich in der Musse findet“, sagte Aristoteles. Man ersetze probehalber „Musse“ durch „Schule“. Und mache sich dann in aller Musse seine eigenen Gedanken. Guten Appetit!

Samstag, 14. Januar 2012

Denken braucht ein handwerkliches Ethos

Argauer Zeitung, 5.11.11



Vor zwei Jahren gelangte in den USA ein Buch auf die Bestsellerliste der New York Times, das den wunderlich-anachronistischen Titel „Shop Class as Soulcraft“ trägt, also übersetzt etwa mit „Werkunterricht als Seelenbildung“ (auf Deutsch erschienen unter „Ich schraube also bin ich“). Sein Autor, Matthew B. Crawford, verkörpert den Typus des akademischen Aussteigers. Der Doktor der politischen Philosophie arbeitete zunächst in einem Think Tank, wo er Abstracts wissenschaftlicher Artikel verfasste. Zunehmend deprimierter und dieser schalen Geistesarbeit bald überdrüssig geworden, suchte er in der Technik „echte“ Arbeit. Er eröffnete eine Reparaturwerkstatt für Motorräder. Und die Befriedigung, die ihm die Arbeit in der Garage bietet, liege darin, dass sie ihm wieder Kopf und Hand zusammengefügt habe. 

Die breite Aufmerksamkeit, die Crawford mit seinem Thema auf sich zog, deutet an, dass er eine neuralgische Stelle unserer Wissensgesellschaft getroffen hat. Zu ihrem Selbstverständnis gehört ja die „Überwindung“ der Handarbeit. Was im globalisierten Kontext natürlich meist heisst: Wir delegieren sie an Menschen anderer sozialer Klassen, anderer Länder, anderer Kulturen („Made in China“). Selbst Hand anzulegen ist für viele geradezu exotisch geworden. Postindustrielle Arbeit braucht die Hände zum Drücken von Knöpfen und Tasten, zum Hantieren mit Handys und Touchpads. Es ist, als zerrinne die Arbeit in den zunehmend automatisierten und virtuellen Umgebungen zwischen den Händen. Sie wird unwirklich. Und so fragen sich nicht wenige „Werktätige“ heute: Was genau habe ich eigentlich am Ende eines Tages vollbracht – ich meine: selber gemacht?

Meiner Ansicht nach bringt Crawford mit seinem Buch ein Ethos aufs Tapet, das aus der Tradition des Handwerks stammt; ein Qualitätsanspruch, den man an sich selber stellt, sei man nun Bäcker, Coiffeur, Programmierer, Musiker, Arzt oder Physiker. Die Ansprüche mögen berufsspezifisch sehr unterschiedlich sein, eines ist ihnen gemeinsam, eine Art von innerem Imperativ, den der Soziologe Richard Sennett in seinem schönen Buch „Handwerk“ so auf den Punkt gebracht hat: Man will etwas um seiner selbst willen gut machen. Das klingt trivial, läuft aber vielen Strömungen des postin­du­striellen Lebens und Arbeitens diametral ent­gegen. Auch in der Wissenschaft.

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Ein Ethos konkretisiert man am besten durch Tugenden, die es bevorzugt und für förderungswert hält. Ich möchte kurz vier Aspekte handwerklichen Expertentums hervorheben, in denen ich so etwas wie Tugenden geistiger Arbeit sehe: Routine, Kennerschaft, Materialsinn, Scheiternkönnen.

Auf dem Weg zum Expertentum spielt Routine eine wichtige Rolle. Sie hat freilich einen schlechten Ruf. Das heisst, wir assoziieren mit ihr stumpfsinnige Abläufe in Maschinen. Und in diesem Sinne bedeutet „Routine“ einfach „Nicht-Nach­denken“. Dagegen müssten wir – gerade in unserer Welt delegierter Routinen – der menschlichen Routine eine positivere, „geistigere“ Bedeutung beimessen. Routinen sind intellektuelle oder manuelle Tätigkeitsschlaufen, die wir variieren und miteinander verbinden können. Wer etwas von Schreinern verstehen will, muss bei routinemässigen Arbeiten am Holz beginnen. Wer etwas von Mathematik verstehen will, muss mathematische Operationen durchexerzieren. Wer ein Gespür für die Feinheiten einer Sprache entdecken will, muss Wörter büffeln. Im Gegensatz zur Maschine kann der Mensch aus Routinen ausbrechen. Fertigkeiten, die durch eine Praxis eingeübt sind, machen uns nicht notwendig zu engstirnigen Praktikern. Sie können uns im Gegenteil zu Exkursionen ins Nachdenken beflügeln. Und genau darin zeigt sich der „geistige“ Charakter von Routine. Geistige Arbeit liesse sich geradezu so definieren: Die durch Praxis und Routine gesetzten Grenzen überschreiten. Man wird dadurch selbstkritisch, anspruchsvoll, neugierig. Der grosse Geiger Isaac Stern pries die Vorzüge repetitiven Übens einmal  in der Regel: Je besser die Technik des Geigenspiels, desto unerreichbarer die Massstäbe.

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Der Handwerker weiss mehr, als er in Worte fassen kann. Dieses „Schweigen der Könner“ – so die treffende Beschreibung des Erziehungswissenschaftlers Georg Hans Neuweg - ist kein Defekt, sondern eine Besonderheit: Kennerschaft ist grösstenteils im Kenner sedimentiert. Solches Wissen besteht daher primär in seiner Ausübung, nicht in seiner Aufschreibung. Es kann dadurch auch nicht so einfach in Enzyklopädien oder Expertensysteme ausgelagert werden. Den guten Richter wie den guten Chirurgen oder den guten Schreiner zeichnet eine Fachtüchtigkeit aus, die über bloßes Fachwissen hinaus reicht. Nähme man einen Arzt ernst, der uns sagen würde, er wisse alles über Herzchirurgie, habe aber noch nie eine Operation selber durchgeführt?

Kennerschaft erwarb man früher im Meister-Lehrling-Verhältnis. Der Erfahrene zeigte dem Novizen, „wie es geht“. Man sollte sich hüten, dies als  veraltet zu betrachten. Kennerschaft findet sich nach wie vor in allen Bereichen der Kopf- und Handarbeit. Sie hebt eine weitere Tugend hervor: Sinn und Sorge für das Material. Ein Schreiner weiss Bescheid über Holzarten, weil er mit ihnen gearbeitet, mit dem Material einen „Dialog“ geführt hat. Seine Hände verkörpern quasi das hantierende Gedächtnis früherer Arbeiten und Erfahrungen. Fragt man ihn etwa nach der Art eines Holzes, kann man unter Umständen mit einer regelrecht poetisch anmutenden Terminologie überhäuft werden, ist die Rede von streifiger, geriegelter, geflammter, geäderter, gefladerter, gemaserter, flirrender, pom­melierter Textur der Holzart. Solche Adjektive vermitteln den Eindruck einer präzisen Lust am Stoff, eines hand- oder sinnennahen Umgangs mit ihm. Sie ist nicht auf das Schreinern beschränkt. Über James Joyce gibt es die Anekdote, ein Freund habe ihn in seinem Arbeitszimmer getroffen, den Kopf auf die Schreibtischplatte gelegt. Was los sei, fragte der Besucher. Er käme mit der Arbeit nicht voran, antwortete Beckett.  Wie viel er denn geschrieben habe, fragte der Freund. „Zwei Wörter,“ sagte Joyce. „Aber James“, meinte der Freund, „da kannst du doch zufrieden sein .. gemessen an deinem Arbeitstempo.“ „Ja, schon,“ erwiderte Joyce schon fast verzweifelt,“ aber ich weiss nicht, in welcher Reihenfolge ich sie schreiben soll.“ Die Verzweiflung des Schriftstellers bringt sehr schön das handwerkliche Bewusstsein seiner Arbeit – des „Wortwerks“ – auf den Punkt. Von dieser Tugend her betrachtet, lassen sich umgekehrt auch sogenannte intellektuelle Berufe wie Arzt, Ingenieur, Jurist, Schriftsteller, Lehrer durchaus als „Handwerk“ verstehen. Aus ihrem Materialbewusstsein wächst nicht nur Sinn und Sorge, sondern auch Verantwortung für ihr besonderes „Holz“: den Organismus,  die Brücke, das Gesetzeswerk, die Sprache, die Schüler. Gerade an diesem Bewusstsein haben es die Wirtschaftswissenschafter in den letzten Jahren fehlen lassen.

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Damit zusammen hängt auch der letzte Punkt: Scheiternkönnen. In der Atemlosigkeit heutigen Forschungswettrennens, wo man den Mund nicht voll genug nehmen kann mit Verheissungen über Durchbrüche an der Front, wären gelegentlich Marschpausen nötig. Sie erinnerten uns vielleicht an das Wesen wissenschaftlichen Vorgehens, das man am treffendsten in den Worten Samuel Becketts beschreibt: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Jeder seriöse Forscher weiss: Die Welt tickt nie genauso, wie er sich das vorstellt. Er hat ein professionelles Bewusstsein für die Unzulänglichkeit, das Scheiternkönnen seiner Denkarbeit. In dieser Einstellung gleichen sich Wissenschaftler und Handwerker. Auch der versierte Handwerker weiss: Die Dinge laufen meist nicht so, wie er das will. Er zeichnet sich aus durch ein Gespür, oder sollte man vielleicht sogar sagen: eine Demut vor den Eigenheiten, Widerspenstigkeiten, Unvorhersehbarkeiten, Un­voll­kommen­heiten des Mediums, mit und an dem er sich abmüht. Das Scheitern ist sein treuester Gehilfe, sein bester Lehrer.

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Mit der These, dass Wissenschaft ein handwerkliches Ethos braucht, würdige ich weder die intellektuelle Arbeit herab noch romantisiere ich manuelle Traditionen. Wir brauchen beides, Kopf und Hand. Nur begünstigen die gegenwärtigen wirtschaftlichen, technischen und politischen Bedingungen ein anderes Ethos, das in Wissen und Bildung primär Instrumente der Marktpositionierung und Best Practice sieht. Das universitäre Studium verschreibt sich ihm heute in weiten Bereichen. Die Industrialisierung hat auch die Kopfarbeit ergriffen. Vorzugsweise bilden sich die Studenten zu „Wissensarbeitern“ aus, munitionieren sich mit lego-artig zusammenfügbaren Modulen für die freie Wildbahn des Arbeitsmarktes. Ist bekannt, dass der Begriff des Moduls aus dem Maschinenbau stammt?

Natürlich plädiere ich nicht für eine Rückkehr zur Werkbank. Zu denken gibt aber die schleichende Aushöhlung jenes Imperativs, der die innere Bindung an die Arbeit honoriert. Und genau das ist das tiefe Paradox einer Gesellschaft, die einem grossen Teil heutiger Arbeit – auch der wissenschaftlichen - mit der Hand zugleich die Seele austreibt.