Sonntag, 23. Dezember 2012

Wir sind nie säkular gewesen



Warum die Wissenschaft die Religion nicht überflüssig macht 




Die Siegergeschichte des Fortschritts hat ihre Mythen. Dazu gehört die Auffasssung, die wissenschaftliche Weltsicht habe die religiöse überwunden. Wir sehen in Technik und Natur­wissenschaften Hauptagenzien der Säkularisierung, der „Entzauberung“ der Welt. Aber die Siegergeschichte des Fortschritts verdrängt die Sub-Geschichte eines wissenschaftlichen „Unbewuss­ten“, in dem wir auf eine Vielzahl von Spuren des Religiösen stossen. Technik und Wissenschaft weisen eine eigentümliche religiös-säkulare Ambivalenz auf. Man gewinnt sogar den Eindruck, um hier den französischen Wissenschaftsphilosophen Bruno Latour zu paraphrasieren („Wir sind nie modern gewesen“), dass wir gar nie säkular gewesen sind. Diesen Eindruck möchte ich kurz am Beispiel zweier Hauptspuren etwas verstärken.

Der Fortschrittsgedanke, namentlich in der Idee der Perfektionierung des Menschen, speist sich aus einem ursprünglich religiösen Kernmotiv, das die Moderne über eine verborgene Traditionslinie mit dem ersten christlichen Jahrtausend verbindet. Damals sahen sich die „mechanischen Künste“ von der kirchlichen Elite eher gering geschätzt. Es war der Philosoph Johannes Scotus Eriugena (9.Jh.), der eine Neuinterpretation vornahm und in der Nützlichkeit der technischen Artefakte nicht nur eine praktische, sondern auch eine spirituelle Komponente erkannte. Das Heil, so Eriugena, kann buchstäblich erarbeitet werden in weltlichen Anstrengungen, nicht zuletzt durch technische Innovationen. Die mechanischen Künste zu pflegen, zu verbessern und zu vervollkommnen heisst, den „gottgleichen“ Zustand des Menschen wiederherzustellen.

Religio – die Rückbindung des Menschen an Gott – wurde so auch zur technischen Aufgabe. Sie ist es, in Kreisen moderner Techniker und Wissenschafter, heute noch. Das künftige Paradies ist das technisch wiedergewonnene Paradies. Wernher von Braun, einer der Väter der Raumfahrt, sah im Aufstieg der bemannten Raketen eine evangelisierende Mission und einen milleniaristischen Neubeginn für die Menschheit. Der angesehene Molekulargenetiker Robert Sinsheimer sprach davon, dass wir die „Sprache entdeckt haben, in der Gott das Leben erschuf“. Und der Nobelpreisträger Walter Gilbert sieht im menschlichen Genom schlicht den „heiligen Gral“ der Humangenetik. Der Cyberspace nährt Unsterblichkeitsträume von einer körperunabhängigen, in die Netzewigkeit geladenen elektronisch-spirituellen Existenz. „Es wird sein wie der Himmel“, psalmodierte der MIT-Professor Marvin Minsky.

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Wir kennen Max Webers berühmtes Wort von der Entzauberung der Welt. Schaut man aber etwas genauer hin, entdeckt man, dass wir erstaunlich „entzauberungsresistent“ sind. Die Astrophysik lehrt uns zwar, dass eine Sternschnuppe ein Meteorit ist, also ein Naturereignis, viele Menschen lesen aber nach wie vor irgendwelche Zeichen darin. „Die Heiden schreiben, der Comet entstehe auch natürlich, aber Gott schafft keinen, der nicht bedeute ein gewisses Unglück,“ notierte Luther im 16. Jahrhundert. Und der französische Arzt Ambroise Paré – ein Wegbereiter der modernen Chirurgie – diskutierte zur selben Zeit Missbildungen bei Kindern in diesem doppelten Sinn: Sie haben ihre Ursache im ausschweifenden Leben der Eltern und sind gleichzeitig Missfallenszeichen Gottes für Lasterhaftigkeit.

Diese Mentalität lebt heute weiter, vielleicht sollte man sagen: heute mehr denn je. Der Himmel wird nach wie vor von Astrophysikern nach Signalen aus den Tiefen des Universums und von Astrologen nach Zeichen vor- oder nachteiliger Sternenkonstellationen durchforscht. Evangelikale Fundamentalisten deuten Aids als Strafe Gottes für Homosexualität. Dem scharfen gläubigen Auge des ägyptischen Geologen Zaghloul El-Naggar ist nicht entgangen, dass der Tsumani 2004 eine moralische Intervention Gottes gegen den Westen war. Warum hat dann die Flut Südostasien und nicht die amerikanische Westküste heimgesucht? Weil die betroffenen Länder die Unmoral der Touristen zugelassen hätten.

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Aus der These, dass wir nie säkular gewesen sind, kann man mindestens zweierlei Schlüsse ziehen. Zum einen eine „Rückkehr des Religiösen“. Jürgen Habermas beschreibt bekanntlich die fehlende Dimension des Religiösen als dramatische Mangelerscheinung modernen Lebens. Er spricht von einer „entgleisenden“ Säkularisierung, die sich speziell in den überspannten bio- und neurowissenschaftlichen Erklärungsansprüchen äussere. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen eines vormodernen religiösen Weltverständnisses, das sich durch die Defizit-Diagnose bestätigt und beflügelt sieht, nunmehr den Menschen wieder auf das Gleis der Rechtgläubigkeit zurückzuführen.

Angestrebt wird dies heute im Geist einer Horizonterweiterung, in die Papst Benedikt XVI. gläubige und wissenschaftliche Vernunft einzuspannen sucht. In seiner Regensburger Rede forderte er die moderne Intelligenz auf, Wissenschaft und Glauben auf neue Weise zusammenzuführen, indem „wir die selbst verfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.“ Das klingt vordergründig gut und versöhnlich, aber die „Weite der Vernunft“ meint natürlich Gottes Vernunft. Man lese z.B. Folgendes: „Es gibt (..) eine Rationalität der Materie selbst. Man kann sie lesen. Sie hat eine Mathematik in sich, sie ist selbst vernünftig, selbst wenn es auf dem langen Weg der Evolution Irrationales, Chaotisches und Zerstörerisches gibt. Aber als solche ist Materie lesbar.“

Einem modernen Naturwissenschafter sagen solchen Sätze schlechtweg nichts. Sein Naturkonzept, das keine Vernunft in der Natur kennt, ist inkompatibel mit einem Naturkonzept, das eine solche Vernunft „in der Materie“ als evident voraussetzt. Selbstverständlich kann man Spuren göttlicher Vernünftigkeit in der Natur lesen. Einen solchen Anspruch erhöbe die „selbst­beschränkte“ wissenschaftliche Vernunft allerdings nie. Wie aber kann sie dann einem Glaubensanspruch noch seriös begegnen, wenn dieser ausdrücklich die Falsifikation „überwunden“ und das Nicht-Falsifizierbare in den Zuständigkeitsbereich einer „weiten Vernunft“ hereingenommen hat? Die Antwort fällt leicht: man begegnet sich nicht, man redet windschief aneinander vorbei.

Im bedenklichsten Fall streckt die wissenschaftliche Rationalität ihre Waffen der Kritik vor einer „Rationalität“, die sich auf die Transzendenz, d.h. auf das Nicht-Falsifizierbare, beruft. Habermas ist dem religiösen Weltverständnis so weit entgegengekommen, dass er im Namen eines Respekts vor der Authentizität religiösen Glaubens von säkular gesinnten Wissenschaftern und Philosophen eine „kognitive Urteilsenthaltung“ einfordert. Das ist – um das Mindeste zu sagen – höchst zweischneidig. Respekt gilt – wenn überhaupt – der gläubigen Person, nicht aber den Glaubensinhalten. Das käme der Rücknahme einer der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung gleich. Der Berliner Philosoph Héctor Wittwer spricht zu Recht spricht vom „skandalösen“ Ansinnen eines „falsch verstandenen Respekts“ vor dem Glauben.

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Falsch verstandener Respekt – ihn gibt es auch vor der Wissenschaft, oder besser: vor einem heute oftmals dreist und unsensibel auftretenden Szientismus, der Religion als ein zu überwindendes Stadium der Menschheitsentwicklung betrachtet, Gott als Nervensache oder das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz unter dem Aspekt des Selektionsvorteils bzw. -nachteils abhakt. Diesem vulgären Aufkläricht gilt es in Erinnerung zu rufen, dass, solange Menschen existieren, die Welt uns ein sinnhaftes Gesicht zukehrt - wissenschaftlicher Entzauberung und „Sinnentleerung“ zum Trotz. Nenne man diesen Trotz Atavismus, Irrationalität oder geistige Unreife, der menschliche Hunger nach Bedeutung in Gestalt von Zeichen und Wundern, aber auch nach  narrativer Nahrung in Gestalt von Erzählungen, Mythen, Legenden wird durch die wissenschaftliche Erklärung nicht gestillt.

Religion hat eine Quelle, aus der sie diesen Durst stillen kann: Transzendenz. Aber als Hüterin der Transzendenz kann sie da, wo der weltliche Erklärungsübereifer in seine Schranken gewiesen wird, nun nicht ihrerseits das Überweltliche bemühen, um den exklusiven Anspruch auf Sinnstiftung und auf Fundierung etwa von Menschenrechten theologisch zu zementieren. Hier setzt denn auch die Arbeit an der anderen Front ein: Daran zu erinnern, dass Orientierung am Jenseits vielleicht für das Zusammenleben im Diesseits hilfreich ist, es aber nicht verbindlich begründet.

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Ich möchte also die These, dass wir nie säkular gewesen sind, auf eine andere Art verstehen, nämlich als Appell, die kritische Arbeit der Aufklärung neu aufzunehmen, nunmehr an zwei Fronten: an der wissenschaftlichen und an der religiösen. Es gibt sowohl eine falsche Feindschaft wie auch eine falsche Versöhnlichkeit zwischen Wissenschaft und Religion. Wenn die erste Aufklärung den Menschen mittels wissenschaftlicher Rationalität aus seiner Bevormundung durch Religion zu befreien suchte, müsste eine zweite Aufklärung die Fortschritte der wissenschaftlichen Rationalität aus der Perspektive des von ihr Verdrängten analysieren. Pointiert: Wir verstehen das Projekt Wissenschaft nur, wenn wir es in seiner säkular-religiösen Ambivalenz wahrnehmen. Zu begreifen wäre mit anderen Worten, dass Wissenschaft und Religion Partnerinnen der Weltdeutung sind, die sich fremd bleiben müssen, um sich zu vertragen. Wissenschaft überwindet nicht, sie verdrängt das Religiöse, und bestärkt gerade dadurch das Bedürfnis nach ihm. Wir benötigen durchaus die „Weite“ der Vernunft: einer Vernunft, die Wissenschaft und Religion als Versuche des Menschen versteht, Gast, und nicht Fremder in dieser Welt zu sein. Ich plädiere deshalb für einen neuen Typus des säkularen Bürgers - jenes nämlich, der einsieht, dass die (totale) Säkularisierung misslingt.

Samstag, 13. Oktober 2012

Schneller, Kürzer, Seichter



Über das technologische Rattenrennen



Um die digitalen Medien ist ein Streit entbrannt, der schon fast kulturkämpferisches Ausmass annimmt. Am leichtesten kann man ihn an drei Banner-Adjektiven identifizieren: schnell, kurz, seicht. Je nach Lager werden sie mit völlig entgegengesetzter Bedeutung munitioniert. Im einen Fall bilden sie den Schlachtruf eines kulturkonservativen Pessimismus, der durch die digitalen Medien die traditionellen Bestände und Techniken der Kultur akut gefährdet sieht. Im andern Fall klingt in ihnen die Losung eines trotzigen Optimismus an, der mit ebendiesen Beständen endlich aufräumen will und in Fast Communication, Short Message und Websurfen den Groove einer neuen Medien-Ära, eines neuen Geistes feiert. Der New Yorker Clay Shirky, einer der grossrednerischsten Propheten der Post-Literalität, deklarierte 2008, dass Tolstois Bücher zu lang seien, um gelesen zu werden. Ohnehin würde man dank dem Netz die müde alte Gewohnheit des Bücherlesens ablegen. Ein Blogger schreibt, dass man in Internetforen Konzentration und vertiefendes Nachdenken als „obsessiv“ bezeichne und Leute mit diesen Fähigkeiten als „gruselig“ gelten. Das geschieht auch in einem neuerdings oft erhobenen vornehmen Ton eines globalen Friedens durch Datenverkehr. Das Internet erlaube mehr Menschen den Zugang zu Information, Lernen und Wissen als je zuvor, hört man etwa. Und im Namen all der „Ungebildeten“, Nicht-Privilegierten dieser Welt macht die „Netz-Demo­kratie“ den Mandarinen der alten Medien ihre Vorrechte und Macht streitig.

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Die wohl älteste dieser Kampfvokabeln ist „schnell“. Es gibt immer Leute, denen alles zu schnell geht. Jeremiaden gegen die Schnelligkeit gehören zum Genre einer Technikkritik seit den Mobilitätsschüben des frühen 19. Jahrhunderts. Goethe prägte für seine Zeit, in der Presseerzeugnisse zunehmend für eine rasche Verbreitung von Neuigkeiten sorgten, den Ausdruck „veloziferisch“, aus „velocitas“ und „luziferisch“. In der Eisenbahn, die sich mit 25-30km/h fortbewegte, bekamen die Leute Schwindelanfälle. Die raschen Bewegungen können nicht verfehlen, so liest man in einem Gutachten bayrischer Ärzte von 1835, bei den Passagieren die geistige Unruhe, „delirium furiosum“ genannt, hervorzurufen. Überhaupt sehen sich die Mediziner, schon von Berufs wegen, immer wieder dazu angehalten, technischen Neuerungen etwas Pathologisches abzugewinnen. Im schnellen Verschicken von Telegrammen machten sie etwa um 1890 die Ursache von Geisteskrankheiten aus. Radio, Fernsehen und schliesslich Internet setzten die veloziferische Entwicklung im 20. Jahrhundert fort. Schon vor dem Internet, 1989, sah der französische Kulturkritiker Paul Virilio mit ihm eigener apokalyptischer Flamboyanz den „rasenden Stillstand“ unserer technisierten Lebensform voraus.

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Bevorzugte Themen der Verfallskritik sind Lesen und Schreiben. Was kaum verwundert, schliesslich bilden sie doch so etwas wie den Kern unserer Kultiviertheit. Und hier kommen die zwei andern Kampfvokabeln zum Einsatz: kurz und seicht. Wenn alles zu schnell geht, haben wir keine Zeit mehr, uns in einen Text zu vertiefen, unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer und kürzer. Wir werden ständig abgelenkt. Unser Denken verflacht. Als einem wiederkehrenden Typus dieser Kritik begegnet man dem Argument des Regredierens: Aufgrund technischer Neuerungen verlernen wir alte Fähigkeiten und Tugenden und entwickeln uns dadurch zurück.

Eine Version dieses Arguments taucht schon mit der Gutenbergpresse im 15. Jahrhundert auf. Die neue Technologie „verderbe“ die Kultur der Gelehrsamkeit, argumentierten die Verteidiger der Handschrift, wie etwa Johannes Trithemius in seinem „Lob der Schrift“ (De Laude Scriptorum). Mönche sollten das Kopieren von Hand trotz der Druckerpresse weiter pflegen. Warum? Weil es die müssigen Hände beschäftigt halte, zu Fleiss, Demut und tiefer Kenntnis der Schrift anrege; und auch die Schönheit, Lauterkeit und Individualität des kopierten Textes gegenüber der Fehlerhaftigkeit des Druckerzeugnisses hochhalte.

Oft machen uns erst neue Geräte auf Tugenden der alten aufmerksam. Vor ein paar Jahren war in der NZZ (29.6.02) ein melancholisches Lob auf die Individualität des Textes zu lesen, das den materiellen, mechanischen Charakter des Schreibmaschine in den Zeugenstand rief: „Die rein mechanische, von keinerlei elektrischen Schaltungen durchzogene Maschine war sichtbar auch ein Stück Physik.“ Und indem man die Tastatur bediente, „(hatte) sich etwas ungreifbar Abstraktes (..) materialisiert, der Dichter war zum Arbeiter geworden, dessen Energie jetzt zu Buche schlug. Für viele Autoren glich dieses Hin und Her einer Erlösung. Innenspannung wurde abgeführt - was später manche Typoskripte zu teils ergreifenden, teils kuriosen Partituren machte. (..) Die Geräusche - vom Knattern bis zum Staccato - verkörperten ihrerseits Individualität (..) Der Computer hat solche Ausschläge in die Eigenheiten des Schreibens vollkommen egalisiert. “

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Das Regredierargument hat zurzeit Konjunktur. Und der einschlägige Buchmarkt zieht an. Einen grobschlächtigen Direktangriff auf das Netz lancierte kürzlich der Unternehmer und Autor Andrew Keen mit „Die Stunde der Stümper“ (original 2007), worin er die kulturelle Verflachung durch das Netz anprangert und Blogging auf das Niveau von Affenverhalten zurückstuft: “Was geschieht, wenn Ignoranz, Egoismus, schlechter Geschmack und Mobbing zusammentreffen? Dann übernimmt der Affe die Macht.“ Die Journalistin Maggie Jackson geht in ihrem Buch „Distraction. The Erosion of Attention“ (2008) behutsamer an das Problem heran. Regression heisst bei ihr primär Verlust an Aufmerksamkeit, die zunehmend kürzere Zeitspanne zwischen dem Erledigen von Aufgaben, die chronische Zerstreuung. Die differenziertesten Regredierargumente liefert heute die Hirnforschung. Die Entwicklungspsychologin Maryanne Wolf dokumentiert z.B. in ihrem Buch „Das lesende Gehirn“ (original: „Proust and the Squid“, 2007) anhand von neurologischen Studien, wie unterschiedlich das traditionelle „tiefe“ und das digitale „flache“ Lesen unser Gehirn in Anspruch nehmen. Und besonders durch das tiefe, langsame Lesen würden auch empathische Fähigkeiten im Menschen geweckt, die sich durch das oberflächliche, schnelle Überfliegen zurückentwickeln würden. Nach der Zahl von Juden googeln, die im Holocaust ermordet wurden, ist etwas anderes, als das Tagebuch der Anne Frank lesen.

Wirklich grosse Resonanz erzielte der amerikanische Publizist Nicholas Carr mit einem Essay 2008: „Macht Google uns dumm?“ Man kann in diesem Text so etwas wie die Initialzündung einer aktuellen Debatte sehen, in der die Neuro-Fraktion immer mehr auf Diskurshoheit pocht. Vor allem in den USA, wo die Medien nicht genug vom Gehirn kriegen können. Dass in Deutschland der themenfiebrige Frank Schirrmacher mit „Payback“ (2009) auf den Neuro-Schnellzug aufspringt, war erwartbar. Carr hat seine Frage nun zu einem Buch ausgeweitet, das eine Kulturkampfvokabel schon im Titel trägt: „The Shallows. What the Internet is Doing to Our Brains“ (2010). „Shallow“ – seicht, oberflächlich. Carrs These ist einfach und einleuchtend: Das Gehirn ist gerade wegen seiner extremen Plastizität dem Druck der neuen medialen Ökologie stark ausgeliefert. „Heute lese und recherchiere ich hauptsächlich online,“ schreibt Carr: “Und dies hat mein Gehirn verändert. Zwar bin ich geübter darin geworden, durch die Stromschnellen des Netzes zu steuern, doch hat meine Fähigkeit, mich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, kontinuierlich nachgelassen. Nachdem die Tiefe unserer Überlegungen direkt mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit zusammenhängt, fällt es schwer, den Schluss zu vermeiden, dass unser Denken seichter wird, während wir uns an die geistige Umwelt des Netzes anpassen“ (FAZ, 7.1.10).

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Angesichts der ganzen Schwemme der rezenten Neuroliteratur ertappe ich mich häufiger bei der Frage: Na und, was folgt daraus? Es gibt immer mehr Studien über die Computer-Gehirn-Wechselwirkungen, und so wichtig die neuen Einsichten der Neurowissenschaften sind, so wird, dies mein Eindruck, in der ganzen kulturkritischen Debatte zwischen neuer Technologie und Gehirn der Gehirnbenutzer selber zunehmend aufgerieben. Er kommt nur noch vor als dieses oder jenes neuronale Areal, das durch diese oder jene neue Kulturtechnik nachhaltig geprägt und umgemodelt wird. Auch die Frage, ob Google uns dumm macht, suggeriert eine solche Interpretation. Die Maschine wird zum Subjekt, der Mensch - lies: sein Gehirn - zum Objekt. Und das ist in der Tat nicht nur ermüdend, sondern äusserst irreführend. Denn dadurch wird die Idee genährt, der eigentliche Akteur in der Geschichte sei das Gehirn und nicht die Person, die es benutzt.

Durch jedes Medium entwickeln sich kognitive Fähigkeiten auf Kosten anderer. Die Gehirnforscher werden herausfinden, welche Online-Aktivitäten welche neuronalen Gebiete beeinflussen, verstärkend oder schwächend. Und daraus wird sich ein zunehmend genaueres Bild der Computer-Gehirn-Wech­selwirkung ergeben. Die Optimisten malen schon heute ungeahnte Möglich­keiten des neuronalen Upgradings aus, d.h. der Verbesserung unserer verschalteten Intelligenz durch geeignetes Synapsentraining: Brainbuilding. Die Pessimisten warnen vor der Retrogradierung der Hirnregionen, die „alte“ Tugenden wie tiefes Denken und langsames Lesen unterstützen. Sie sorgen sich um die kognitiven Folgen permanenten Multitaskens und anderer Online-Aktivitäten.

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Das Ausspielen von Vor- und Nachteilen bleibt anekdotisch. Deshalb halte ich es für eine falsche Front. Wir sollten vielmehr unseren Blick von Gerät und Gehirn lösen. Ein Grund liegt im Charakter der Neurowissenschaft selbst. Die meisten Forschungsresultate sind uneindeutig und nicht generell aussagekräftig. Was zum Beispiel ein Team A bei seinen Probanden feststellt, wird möglicherweise von Team B anders interpretiert oder sogar angezweifelt. Langzeitstudien fehlen. Und die Entwicklung neuer Gadgets rast voran. Die Nutzer sind ihren Neuro-Beobachtern immer voraus. Ein anderer Grund scheint mir aber viel wichtiger zu sein. All die Gehirn-Geschichten zeichnen ein zu deterministisches, um nicht zu sagen fatalistisches Bild der Entwicklung. Die Tatsache, dass bestimmte Gewohnheiten zu Änderungen in der Gehirnstruktur führen, ist zwar interessant, aber daraus folgt nichts Zwingendes über diese Gewohnheiten. Wenn sich bestimmte Gehirnregionen, die für das Lesen wichtig sind, zurückentwickeln sollten, dann ist das kein neurologischer „Beweis“ für die Verkümmerung des Lesens. Lesen tut nicht das Gehirn, sondern immer noch sein Benutzer.

Vielleicht lohnt es, hier eine alte Trivialität aufzuwärmen: Nicht Google macht dem Menschen dumm, der Mensch macht sich selber dumm mittels Google - oder wie das der Medienkritiker James Bowman kürzlich formulierte: „Stupid makes us google“. Ob trivial oder nicht, es geht heute darum, einen Modus vivendi zu finden mit all den Geräten, die uns umgeben. Und dazu müssen wir zuerst einmal das Problem auf jenes kulturelle Niveau heben, das ihm angemessen ist. Damit meine ich nichts weiter, als dass wir durch die neuen Entwicklungen nicht als Gehirne gefordert sind, sondern als mündige Techniknutzer.

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Es gibt Tendenzen in der Netz-Industrie, die auf die Entmündigung des Nutzers durch Zerstreuung abzielen. Sie beuten konsequent eine „natürliche“ Schwäche des Menschen aus: die Labilität - das „Switchen“ - der Aufmerksamkeit. Das haben zwei Forscher vom Xerox Research Center Palo Alto - Mark Weiser und John Seely Brown - bereits 1995 erkannt, und sie prägten dafür einen Gegenbegriff: „calm technology“ – gelassene Technologie. Das Konzept erscheint mir viel versprechend, weil es an uns Techniknutzer appelliert. Gelassene Technologie erlaubt das freie Hin und Her zwischen – wie die Autoren es nennen – Fokus und Peripherie der Aufmerksamkeit. Jedes technologische Design sollte ihrer Meinung nach diese Freiheit einbauen. Schuhe zum Beispiel sind alte „gelassene“ Technologie. Sie haben sich in unserem Alltag eingebürgert, ohne sich aufzudrängen. Ich kann mich jederzeit, den Umständen entsprechend, mit meinen Schuhen beschäftigen, ich kann aber auch von ihnen lassen. Meist – wenn wir nicht Fetischisten sind - brauchen wir sie auf „periphere“ Art.

Ich halte die Idee für genial und revolutionär, denn der Mainstream der Entwicklung verläuft gerade in entgegengesetzter Richtung. Die neuen Gadgets, die unseren Alltag bestimmen, drängen sich ständig aus der Peripherie vor in den Fokus. Sie entwickeln eine Adhäsivkraft, eine „Klebrigkeit“ des Gebrauchs, die den freien Wechsel von Fokus und Peripherie behindert, wenn nicht sogar unterbindet. Ein E-Mail summt, während ich an etwas arbeite. Ein iPhone gibt Signale von sich, während ich mit jemandem rede. Ein Link lenkt mich ab, wenn ich online einen Text lese. All die Gadgets sind wie schlechte Schuhe: sie drücken, sie behindern mich, schlimmstenfalls machen sie mich krank. Die Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen und erleichtern, nehmen uns auch die Zeit weg. Sie sind – wie sie der französische Philosoph Michel Serres nennt – technische „Parasiten“. Sie sind Zeit-Usurpatoren. Die Ausbeutung der Millisekunde hat begonnen. Jede Information, jedes Objekt hat augenblicklich zur Verfügung zu sein. Die Maschinen dulden keinen Aufschub, sie verlangen gnadenlos, dass wir nicht nur Daten, sondern uns selbst „aufdatieren“. Wir leben in der Diktatur des permanent Aktuellen.

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Um es auf den Punkt zu bringen: das Netz sollte „gelassene“ Technologie werden. Und dazu können wir alle beitragen, indem wir uns darin üben, eine individuelle Balance im Hin und Her zwischen Online- und Offline-Aktivitäten zu finden; indem wir lernen, mit fokaler und peripherer Aufmerksamkeit zu haushalten. Das ist die Hauptaufgabe. In dieser Hinsicht stehen wir ganz am Anfang eines neuen Zivilisationsprozesses. Möglicherweise würden wir auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe treffen. Alte kognitive Funktionen, die dem Lesen und Schreiben zugrunde liegen, könnten durch neue bereichert, wieder aufgewertet werden. Neue Praktiken wie Googeln oder Bloggen würden nicht pauschal als „seicht“ abgewertet. Denn sie verweisen auf den stöbernden, „grasenden“ Aspekt jeglicher Erkenntnissuche. Und Hand aufs Herz: Seichtigkeiten haben nicht erst mit Google in unsere Kultur Einzug gehalten. In den neuen medialen Umwelten kann sich Oberflächlichkeit sogar als ein Vorteil erweisen: z.B. verschaffe ich mir durch zahlreiche Links einen schnellen, breiten Überblick über ein Thema, das ich dann – bei Gelegenheit - durch fokussierte Aufmerksamkeit vertiefe. Hiezu sind auch alte Formen der Recherche nötig. Es ist wie beim Flanieren. Gerade dadurch, dass ich peripher auf die Umgebung aufmerksam bin, nehme ich unter Umständen mehr von ihr wahr. Man würde das „Seichte“ und das „Tiefe“ als ein komplementäres Paar entdecken. Und vielleicht kämen wir dadurch so weit, dass die neue Technologie in den Hintergrund abrückt - wie z.B. die Zentralheizung - und den Blick wieder frei gibt auf angeblich „überwundene“ alte Technologien. Die grassierende Inkontinenz der elektronischen Kommunikation könnte so mindestens abgebaut werden. Und für eine zukünftige Generation von „calm users“ würden dann die Probleme, über die wir uns heute so sehr aufregen, wie von selbst verschwunden sein.

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Im Grunde haben wir es auch mit einem Problem der Geschichtsschreibung zu tun. Was man sieht, hängt vom Standpunkt ab. Steht man genügend hoch und wirft einen Blick zurück auf die jüngere Technikgeschichte, erscheint sie als eine Parade grandioser Erfindungen, die uns ununterbrochen einreden, sie würden unser Leben revolutionieren. Die Enthusiasten kriegen sich nicht ein mit ihren Visionen einer Zukunft, in der alles anders, besser, schöner, leichter, schneller sein wird. Aber steigen wir hinunter in den Alltag, stellen wir fest, dass die meisten von uns immer noch das tun, was sie schon immer taten. Vom erhöhten Standpunkt aus sieht man die Details des konkreten Lebens nicht, und mit der Zeit schleicht sich die Illusion ein, sie spielten keine Rolle. Aber selbstverständlich tun sie es nach wie vor. Die Textur unserer Lebenswelt wird nicht nur durch das verändert, was wir tun, sondern auch durch die Art, wie wir es tun. Die neuen Medien verändern primär das „Wie“. So wie Staubsauger, Geschirrspülmaschine, Kühlschrank, Mikrowelle den Modus der Arbeit im Haushalt durchaus verändert haben. Aber immer noch wird gereinigt, gekocht, gewartet, geflickt, gewaschen.

Je älter eine Technologie, desto wahrscheinlicher bleibt sie nützlich. Die Handschrift existiert weiter neben dem Buch. Das Buch existiert weiter neben dem iPad. Es gibt nach wie vor die Zeitung neben Radio und Fernsehenen und Internet. Und es gibt, nicht zuletzt, immer noch das älteste Medium der Menschheit, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Todeserklärungen sollte man ohnehin mit Vorsicht aufnehmen. Sie gehören zur Phraseologie eines technologischen Ratten­rennens, das Altes immer durch Neues „überwunden“ sieht. 2005 titelte die Zeitschrift „Wired“: „Wir sind das Web“. Fünf Jahre danach heisst es in derselben Zeitschrift: „Das „Web ist tot“. Der logische Schluss daraus erscheint etwas unkomfortabel. Bleiben wir gelassen. Totgesagtes lebt bekanntlich länger.