Montag, 30. Oktober 2017

Identity first




Kürzlich verursachte der marrokanische Flüchtling Kacem El Ghazzali ein mediales Stürmchen, als er, sich zum einem liberalen Atheismus bekennend, in einem Interview Kritik am Islam übte.[1] „Viele ehrlich engagierte Schweizerinnen und Schweizer im Flüchtlingsbereich haben Angst, Kritik am Islam zu üben“, sagte El Ghazzali. Im Besonderen äusserte er Reserve gegenüber einem „linken Kulturrelativismus“, der zum Beispiel das Tragen des Hijab als Brauchtum akzeptiere und darin nicht eine traditionelle Unterdrückungspraktik der Frau erkenne, die einer liberalen Demokratie unwürdig sei. Das schien nun wiederum der Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr sauer aufzustossen. Ob es heute einfach reiche, als Muslim gegen den Islam zu wettern, um als Experte zu gelten, fragte sie in einem Facebook-Post. Worauf der so Adressierte natürlich konterte, er sei gerade kein Muslim und auch nicht Experte, und Frau Fehr würde ihn fälschlicherweise auf eine Religionszugehörigkeit reduzieren.

Die Sackgasse der Identitätspolitik
Die kleine Kontroverse scheint mir symptomatisch für ein grosses Problem zu sein. Der Multikulturalismus hat einen schlechten Verlauf genommen: in die Sackgasse der Identitätspolitik. Der Historiker Mark Lilla machte jüngst auf eine Argumentationsfigur aufmerksam, welche die Debattenkultur an amerikanischen Universitäten im letzten Jahrzehnt tiefgreifend verändert hat und auch in den medialen Mainstream gesickert ist.[2] Man beginnt sein Argument mit „Ich als X...“ Die Redewendung macht vorweg klar, dass der Standpunkt Priorität hat, nicht die Sache. „Ich als Muslim..“, „Ich als Frau..“, „Ich als Schwuler..“ – immer wird das Argument von einer Identität abhängig gemacht: A priori errichtet man zwischen Ich und Gegenüber eine halbdurchlässige Wand, die meine Aussagen an dich passieren lassen, aber nicht in umgekehrter Richtung. „Ich als X..“ ist potenzielle Gesprächsverweigerung. Debatten, die früher vielleicht begannen mit „Ich behaupte A, und hier sind meine Argumente“, nehmen nun die Form an „Ich als X behaupte A, und wenn du B behauptest, dann greift du mich als X an“. Ein Totschlagargument. Vorbei die Habermas’schen Zeiten des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“.

„Bulverismus“
Neu ist das nicht. Im Englischen spricht man vom Fehlschluss des „Bulverism“. Der Schriftsteller Clive S. Lewis hat ihn bekannt gemacht – genauer: seine fiktive Figur Ezekiel Bulver, der hörte, wie seine Mutter die Beweisführung seines Vaters, die Summe zweier Seiten eines Dreiecks sei grösser als die dritte Seite, mit den Worten abschmetterte: Du sagst das nur als Mann. geht nicht auf die Argumente des Andern ein, sondern nur auf seine Identität.

Identitätspolitik bedeutet pointiert, dass man primär Differenzen statt Gemeinsamkeiten von Menschen sieht. Wie Lilla schreibt: „Ich bin kein dunkelhäutiger Autofahrer, und ich werde nie wissen, wie er sich am Steuer fühlt. Umso wichtiger wäre es, dass ich mich auf irgendeine Weise mit diesen Menschen identifizieren kann; und die Tatsache, dass wir beide amerikanische Bürger sind, ist das Einzige, was wir mit Sicherheit gemeinsam haben. Je mehr die Differenzen
zwischen uns herausgestrichen werden, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass ich mich empöre, wenn er misshandelt wird.“

Wir sind Stammeswesen
Der tiefe Widerspruch liegt darin, dass wir Menschen von Natur aus Stammeswesen sind. Unser sozialer Kitt ist primär die Familien-, Freundes-, Nationen-, Kultur-, Religions-, Fanclub-, Firmenzugehörigkeit und erst sekundär die Zugehörigkeit zu einer abstrakten Identität wie „globale Gemeinschaft“, „Zivilisation“ oder „Menschheit“. Der einflussreiche liberale Theoretiker Michael Walzer hat die These aufgestellt, dass das einzig Gemeinsame an den Menschen ihr Hang zur Kirchturmpolitik sei (er spricht von „Parochialismus“). Vor allem, wenn sich Menschen bedroht fühlen, beginnen sie sich auf ihre „Identität“, auf ihr „Ich als..“ zurückzuziehen, blühen die Radikalismen, Fundamentalismen, Atavismen: „Wenn mein Parochialismus bedroht ist, dann fühle ich nur noch, und zwar radikal, parochial: als Serbe, als Pole, als Jude, als Schwarzer, als Frau, als Homosexueller – und als nichts anderes (...) Das bedeutet auch, dass unser gemeinsames Menschsein uns niemals zu Mitgliedern eines einzigen allumfassenden ‚Stammes’ machen wird.“

Ein interkultureller Modus Vivendi
Durch globalisierte Märkte und Migration leben wir heute in Europa vermehrt unter Menschen, die sogenannt „vormoderne“ Traditionen pflegen und entsprechend andere Vorstellungen von Loyalität und Solidarität haben als ein mitteleuropäischer „Normalbürger“. Diese Menschen sind Fremde im berühmten Sinn von Georg Simmel: Leute, die heute kommen und morgen bleiben. Das Fremdsein verspüren nicht nur Zugewanderte, sondern auch Einheimische in der postindustriellen Gesellschaft, in der sich traditionelle Bindungen und Identitäten aufgelöst haben. Gerade deshalb müssen wir „Einheimischen“ uns auch als Fremde zu verstehen beginnen, um einen interkulturellen Modus Vivendi zu schaffen. Wir sind alle „anders“ als wir zu sein meinen. Was nicht zuletzt auch heißt, dass wir uns verändern können.

„Plombierte“ Identität
Das sagt sich leicht, und lässt sich schwer praktizieren.  Das Problem liegt in der Vorstellung „plombierter“ Identität. Sie definiert Individuen ausschliesslich über eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit und wird so leicht zum Instrument fundamentalistischer, nationalistischer oder rassistischer Ideologien. Ein seichter, politisch korrekter Multikulturalismus, dessen Denkfehler in einer separatistischen Interpretation liegt, leistet hier ungewollt Beihilfe: Kulturelle Identität wird bloß als Anspruch und Recht begriffen, sich in seinen Sitten und Bräuchen einzumauern. Aber kulturelle Differenz ist kein Schlagbaum. Wer sich nur über die eigene Kultur definiert, hat keine Kultur. Dieser Satz gilt primär in einem Kontext wie dem modernen urban-europäischen, wo sich Lebensformen und Kulturen zunehmend vermischen und die Rede von einer vermeintlich „reinen“ Identität – religiös, ethnisch, national, kulturell, herkunftsmäßig – schlicht anachronistisch, schlimmstenfalls gemeingefährlich ist. Stattdessen erschiene es viel fruchtbarer, sich mit den entstehenden soziokulturellen Mischformen zu befassen, aus denen möglicherweise – trotz Dissens in den Weltanschauungen – sogar so etwas wie eine aufgeklärte kosmopolitische Haltung erwachsen könnte.

Weg vom bornierten Kleingeist
Gerade aus diesem Grund tragen Leute wie El Ghazzali viel zum angesprochenen interkulturellen Modus Vivendi bei. Ihr „Abweichlertum“ ist eine willkommene Bereicherung unserer nach wie vor ziemlich offenen Gesellschaft. Denn sie zeigen uns, dass aus islamisch geprägten Gesellschaften auch „Andere“ kommen. Und sie können uns dazu anhalten, unsere Identitäten selbst auch aufzubrechen. Man soll gegen den Islam „wettern“ dürfen, wie man auch etwa gegen ein enges christliches Weltverständnis wettern dürfen kann. Der Weg aus der identitätspolitischen Sackgasse ist der Weg aus einem bornierten Kleingeist heraus.







[1]    https://www.derbund.ch/front/redaktion-empfiehlt/viele-schweizer-haben-angst-kritik-am-islam-zu-ueben/story/22154105
[2]   https://www.nzz.ch/feuilleton/identitaetspolitik-die-linke-hat-sich-selbst-zerstoert-ld.1311079

Dienstag, 17. Oktober 2017

Die Abschaffung des Bürgers, wie wir ihn kannten







NZZ, 30.9.2017

Es gibt eine Soziologie des datifizierten Menschen. Alex Pentland, einer ihrer prononciertesten Vertreter, spricht ruhmredig von einer „Wiedererfindung der Gesellschaft im Sog von Big Data“. Pentland hat den sogenannten soziometrischen Ausweis („sociometric badge“) erfunden, einer Art von intelligenter Identitätskarte, die ich auf mir trage, und die ständig meinen Zustand und meine Wege im Netz registriert. Man rüstet etwa die Angestellten einer Firma mit einer solchen Karte aus. In ihr befinden sich Ortssensor, Akzelerometer, Mikrophon, die kontrollieren und registrieren, wohin man geht und mit wem man spricht. Pentland malt sich ein Szenario aus, in dem durch entsprechende Sensoren auch „persönliches Energieniveau“ und „Empathie und Extraversion“ gemessen werden können. Sein Slogan: „Was nicht gemessen werden kann, kann auch nicht gemanagt werden.“ Und gemanagt werden muss alles.

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Wen ein mulmiges Gefühl ob dieser Entwicklung beschleicht, dem könnte angesichts ihrer Weiterführung noch mulmiger zumute werden. Es geht nun nicht mehr bloss um das Messen, sondern auch um das automatische Beurteilen von Sozialverhalten. Neue sanft paternalistische Bewertungsmittel stehen zur Verfügung, zum Beispiel Habit engineering“, „Nudge factor“ oder neuerdings das „Sozialkreditsystem“. Dieses letztgenannte Instrument der Informationstechnologie erfreut sich heute besonders in autoritären Regimes an wachsender Beliebheit. Die kommunistische Führungsriege Chinas schwärmt davon. Man könnte von einem informationstechnisch aufgerüsteten Behaviorismus sprechen: Selbst-Konditionierung des Bürgers durch Selbst-Rating. Damit dressiert er sich selbst ein „ehrlicheres“, „vertrauenswürdigeres“, weniger „gemeinschaftsschädigendes“ Verhalten an. „Big Data offenbart einem die Zukunft,“ frohlockt der Generalsekretär des Parteikomitees für Politik und Recht, Wang Yongqing. Er fordert, die Partei solle eine „vollständige Sammlung anlegen von grundlegenden Informationen über alle Orte, alle Sachen, alle Angelegenheiten und alle Menschen: von den Trends und Informationen darüber, was sie essen, wie sie wohnen, wohin sie reisen und was sie konsumieren.“ Das würde „unser Frühwarnsystem wissenschaftlicher, unsere Abwehr und Kontrolle effektiver und unsere Schläge präziser“ machen.

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Kern des Sozialkreditsystems ist ein Algorithmus, der pausenlos Informationen sammelt, sortiert, analysiert und evaluiert. Wenn sich diese „beschleunigte Bestrafungssoftware“ wie geplant entwickelt, ist jedes abweichende Verhalten von vornherein ein Vertrauensbruch, ergo der „beschleunigten Bestrafung“ zuzuführen. Das Sozialkreditsystem bedient sich dabei eines typischen Neusprechs. Es geht allemal um „Verbesserung“, „Optimierung“, „Harmonisierung“. Bestrafung ist eine „Hilfe“. Und so beschreibt ein Parteisekretär die technokommunistische Endlösung: „Unser Ziel ist es, das Verhalten der Leute zu normieren. Wenn sich alle normgemäss verhalten, ist die Gesellschaft automatisch stabil und harmonisch.“ Eine Gesellschaft von abgerichteten sozialen Atomen. Mit dem Staat als Big Hacker.

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Das Projekt beraubt uns schleichend der Möglichkeit, uns anders als normgemäss zu verhalten. Es sagt ganz sanft: Wir verbieten dir nicht, dich nicht verbessern zu wollen, aber wir verstehen nicht, warum du dich nicht verbessern willst. In einem kleinen Essay des Titels „Über das, was wir nicht tun können“ unterscheidet der italienische Philosoph Giorgio Agamben zwei Grundarten der Machtausübung. Herkömmlicherweise besteht sie darin, dass sie die Entwicklungsmöglichkeiten eines Individuums einschränkt, etwa durch materielle Ressourcenverweigerung oder Verbote von Verhaltensweisen. Die tückischere Art besteht in einer anderen Einschränkung. Für Agamben ist der Mensch nicht „blind (geworden) für das, was er tun kann, sondern für das, was er nicht tun oder unterlassen kann.“ Das ist eine subtile Beobachtung, denn sie setzt das Unterlassen nicht als Unvermögen, sondern als ein Vermögen ein. Unterlassen muss man können: es lernen und üben, als zivile Renitenz. Sie wird in dem Masse wichtig, in dem Sozialingenieure, selbstgeblendet von ihrem Modell der Menschenoptimierung, die Grenze des Modells nicht mehr sehen, anders gesagt: ihr Modell für die Realität halten und auch die Macht haben, dieses Dafürhalten in die Realität umzusetzen.

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Gewiss, ich kann durchaus noch auf Handy, Facebook-Konto oder smarte Identitätskarte verzichten. Aber in einer Welt, in der immer mehr Leute ein Handy, ein Facebook-Konto und eine smarte Identitätskarte haben, stellt sich die schon fast existenzielle Frage nach den Folgen einer solchen Verzichtshaltung – zumal ich einen „Sozialkreditabzug“ riskieren würde, wenn ich mich den neuen Technologien verweigerte. Ich habe die Wahl, dieses oder jenes nicht zu tun – aber diesem Nicht-Tun entzieht man einfach den Sauerstoff seiner Ausübung. Es heisst dann nicht: Du musst, sondern: Du kannst nicht unterlassen. Wie es ein alter parteitreuer Vorzeige­chinese formuliert: „Wenn du viele Minuspunkte hast, dann tuscheln die anderen über dich: Guck mal, der da, das ist ein B. Oder ein C. Manchmal reicht es, wenn wir die Leute warnen: Du, wir stufen dich runter. Dann erschrecken sie.“ Eine Gesellschaft aus lauter denunzierenden Fieslingen.

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Wenn autoritäre Regimes wie das chinesische eine Vorreiterrolle in der Menschendressur spielen, sollte man gleichzeitig den Blick nicht von affinen Projekten in unseren westlichen Gefilden abwenden. Zum Beispiel von Facebook. Hier bereitet sich ein Techno-Totalitarismus mit jovialem Gesicht vor. Längst stiften die Algorithmen von Facebook, WhatsApp und Instagramm nicht einfach Plattformen zum Chatten und Bildertausch, zur Followersuche und Platzierung von Short News oder Ads - nichts Geringeres als eine „globale Gemeinschaft“ wetterleuchtet am Zukunftshorizont. Zuckerberg, ihr Kanzelprediger, spricht in seinen Enzykliken an die Facebook-Gemeinde vom totalisierenden „Wir“, und meint damit natürlich eine vereinte Facebook-Menschheit. Das „Wir“ hat etwas Unerbittliches, Zwangsläufiges. Auch hier klingen die Ziele hehr: „Unsere grössten Chancen sind jetzt global – Wohlstand verbreiten, Frieden und Verständnis fördern, Menschen aus der Armut heben, wissenschaftlichen Fortschritt beschleunigen (..) Facebook steht für dieses Zusammenrücken und Schaffen einer globalen Gemeinschaft.“ Keine Rede davon, dass sich auf Facebook auch Gelichter der widerwärtigen Art sammelt. Und ohnehin: Und wie bildet man eine globale Gemeinschaft aus Nutzern, die kaum je ihren von Facebook kontrollierten Filterblasen entfliehen? Die Frage bleibt unbeantwortet, was kaum überrascht: Es handelt sich im Grunde um einen kolossalen Widerspruch in sich.

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Hinter diesem Permaoptimismus verbirgt sich das Konzept einer Gesellschaft aus technisch aufgerüsteten und „angeschlossenen“ Bürgern. Das verbindet Facebook mit den chinesischen Anstandsdresseuren. Soziale Spannungen und Konflikte sind rein technische Probleme, die man mit technischen Mitteln löst. Facebook kreiert ein Ökosystem zur Durchführung eines sozialen Experiments monströsen Ausmasses, mit den bald einmal 2 Milliarden Nutzern als Laborratten. Und die Frohbotschaften Zuckerbergs erweisen sich im Grunde als Promotion für weitere technische Optimierungen: Algorithmenfilter, smartere Kundenwerbung und Ratingsysteme, neue Verschlüsselungs- und Kontrollmethoden.


Samstag, 7. Oktober 2017




Gekürzte Version in NZZ, 26.8.2017

Vorsicht: Feste Überzeugung!

Truthiness
Heute ist viel die Rede vom gefühlten Wissen: Man weiss nicht, aber ist überzeugt, zu wissen; Die NASA Das Englische kennt auch ein Wort dafür: „truthy“; subjektiv als wahr empfunden. Darin manifestiert sich die Rückseite unserer Vernunft. Sie ist, wenn sie an einer Überzeugung festhalten will, zu erstaunlich zäher Rafinesse fähig, sei die Überzeugung noch so irrig oder irrsinnig. „Ausgehend von einem Irrglauben kann uns unerbittliche Logik ins Chaos oder Irrenhaus führen,“ bemerkte einmal der britische Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes. Als ob er die rezente Ökonomie im Auge gehabt hätte – aber es geht um mehr.

Wir sind schlechte Falsifizierer
Wir alle haben Überzeugungen, die wir nicht oder nur unter grösstem Widerstreben aufzugeben bereit sind. Auch nicht, wenn Fakten gegen sie sprechen. Das sogenannte postfaktische Zeitalter bringt also eigentlich einen tiefverwurzelten renitenten Charakterzug unseres geistigen Lebens zum Vorschein. Wir sind schlechte Falsifizierer. Das ist zumal heute darauf zurückzuführen, dass wir mit dem Wissenswachstum, trotz guter Zugangsmöglichkeiten zum Wissen, nicht Schritt halten. Der Einbau in unser vertrautes Weltbild entpuppt sich als verzwickt, weil das Neue sich oft nicht verträgt mit dem Vertrauten. Und wir können und wollen nicht ständig umbauen. Eher denken wir in der gemütlichen Balance des Vertrauten falsch, als dass wir die Falschheit entdecken und das Vertraute in Schieflage bringen.

Der Schuh der festen Überzeugung   
Ebenfalls im Englischen gibt es den Begriff des „Shoehorning“: Schuhlöffeln. Man bugsiert mit aller Gewalt Fakten in den Schuh der festen Überzeugung, ob sie nun passen oder nicht. Schuhlöffeln ist ein definierendes Merkmal von Verschwörungtheorien. Dieser Typus von Theorie erklärt eigentlich nicht, sondern zementiert eine feste Überzeugung unter der Vorspiegelung, zu erklären. Verschwörungstheorien stehen seit 9/11 in giftiger Blüte. Man muss allerdings sorgfältig differenzieren zwischen Verschwörungstheorien und Theorien von Verschwörungen. Eine seriöse Theorie versucht das Phänomen Verschwörung zu erklären, ohne dass sie den Anspruch auf alternativlose Erklärung erhöbe. Sie rechnet also immer mit andern Schuhen verschiedenster Grösse. Für die Verschwörungstheorie gibt es nur einen einzigen grossen Schuh, und sie operiert meist mit versteckten unausgesprochene Prämissen, die deshalb verschwiegen werden, um immun gegen Widerlegungen zu bleiben. Was man für oder gegen die Theorie ins Treffen führt, verwandelt sie in Evidenz zu ihren Gunsten. Ihr Makel ist nicht, dass sie nicht schlüssig, sondern dass sie zu schlüssig ist. So könnte eine Kurzanleitung für Irrsinn lauten: Halte dein Weltbild konsistent; auf Kosten der Anpassung an die Welt.

Denialism – sich von der Wissenschaft nichts sagen lassen
Heute gehen Verschwörungstheorien eine unheilige Allianz mit einer antiwissenschaftlichen Haltung, dem „Denialismus“, ein. Einer der spektakuläreren jüngsten Fälle ist die Anti-Impf-Bewegung. Quecksilber kann schwere Schäden im Menschen anrichten. In gewissen Impfstoffen ist das quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal enthalten, das bei Kleinkindern neurotoxische Wirkung gezeigt hat. 1998 postulierte der Arzt Andrew Wakefield auf dieser Basis einen kausalen Zusammenhang von MMR-Impfstoff (gegen Masern, Mumps und Röteln) und Autismus. Er ist zwar bis heute nicht nachgewiesen - nachgewiesen wurden Doktor Wakefield vielmehr unlautere Forschungsmethoden. Aber viele Leute haben die Überzeugung zementiert: Quecksilber, also Gefahr.

Das geht so weit, dass Celebritys heute in Fernsehshows ihren ganzen Glamour der Beschränktheit gegen wissenschaftliche Argumentation auffahren. Die Schauspielerin Jenny McCarthy, Mutter eines autistischen Sohns, antwortete 2007 auf die Frage Oprah Winfreys, welche Evidenz sie denn für ihre Anti-Impf-Haltung habe: „Meine Wissenschaft heisst Evans, und er lebt zu Hause. Das ist meine Wissenschaft.“ Und: „Ich habe meinen akademischen Grad von Google.“

Überzeugtheit übertrumpft Argument
Frau McCarthy mag nicht gerade mit den Voraussetzungen intelligenter Wissenschaftskritik gesegnet sein. Aber sie ist Symptom eines bedenklichen Phänomens: Überzeugtheit übertrumpft Argument. Selbst ein Robert Kennedy junior, der immerhin einen anderen Abschluss als jenen der Google-Universität vorweisen kann, versteigt sich zum Verdacht, der offizielle Bericht über den Zusammenhang zwischen Impfstoff und Autismus sei ein „Versuch, die Risiken von Thiomersal weisszuwaschen“. Sieht man die verschwörungstheoretischen Nebelschwaden aufsteigen? Doktor Wakefield hat die Zeichen des postfaktischen Zeitalters jedenfalls erkannt. Im Propagandafilm „Vaxxed: From Cover-up to Catastrophe“ (deutsch: „Vaxxed: Die schockierende Wahrheit“) aus dem Jahre 2016 bereitet er nun die ganze Story wieder auf. Was macht also einer, der mit seiner festen Überzeugung wissenschaftlich nicht reüssiert? Er erzählt die eingängige Geschichte von David gegen Goliath. Wenn er schon keinen Kausalzusammenhang zwischen Impfen und Autismus nachweisen konnte, dann immerhin einen Verschwörungszusammenhang zwischen seinem Scheitern und der Industrie. Damit reüssiert er sicher „beim Volk“.
Hirngeschichten
Da ja heute die Neurobiologen zu allem ihren Senf beigeben, dürfte es vielleicht interessieren, was sie zu dieser intellektuellen Aberration zu sagen wissen. In ihrem Buch „Denying to the Grave“ schreiben Sara und Jack Gorman: „Wenn in uns eine Idee das Gefühl der Belohnung weckt, dann suchen wir dieses Gefühl immer wieder. Und jedesmal wird das Belohnungszentrum – das ventrale Striatum, spezifischer: der Nucleus accumbus – aktiviert, worauf die anderen instinktiven Teile des Hirns lernen, die Idee zu einer fixen Idee zu verfestigen. Versuchen wir, unsere Meinung zu ändern, warnt uns ein Angstzentrum wie die anteriore Insula vor anstehender Gefahr. Der mächtige dorsolaterale präfrontale Cortex kann diese primitive Reaktion ausschalten und Vernunft und Logik zu ihrer Geltung verhelfen, aber es handelt sich um eine langsame Aktion, und sie verlangt ein erhebliches Mass an Entschlossenheit und Anstrengung. Deshalb ist es unnatürlich und unangenehm, unsere Überzeugungen zu ändern, und darin spiegelt sich die Arbeitsweise unseres Hirns.“

Die Ironie der Postmoderne
Hübsch, nicht? Jedenfalls scheint es, dass wir, indem wir gegen festes Überzeugtsein ankämpfen, eigentlich immer auch gegen unsere Biologie kämpfen: Geist gegen Gehirn sozusagen. Man muss sich freilich hüten, daraus eine biologische Apologie des festen Überzeugtseins herauszulesen. Im Gegenteil wird nun erst recht die kulturelle Aufgabe sichtbar, dagegen anzutreten. Zumal in einem Zeitalter der Serienlügner und Berufs-Konfabulierer, die allesamt ihren Bullshit mit dem Stempel der Überzeugtheit verzetteln.

Darin liegt die tiefe Ironie unseres Zeitalters. Das postmoderne Denken machte der Wissenschaft ihren Status als Statthalterin der Wahrheit streitig. Was eine „arrogante“ Geschichtsschreibung als überwundenen Aberglauben abtat, sah sich auf einmal zu einer „alternativen“ Wissensform geadelt: das Wissen nichtwestlicher Kulturen, Naturmagie, Astrologie oder Intelligent Design traten neben Kosmologie, Quantentheorie, Mikrobiologie oder statistische Prognose. Damit verflachte die herkömmliche erkenntnistheoretische Wissenshierarchie, indem nun alles im Grunde als „Meinung“ galt. Die Ironie liegt darin, dass umgekehrt jede Weltanschauung im Basar der Meinungen ihre eigene „Gewissheit“ reklamieren konnte. Die Wissenschaften sollen sich nur gar nichts auf ihr „elitäres“ Wissen einbilden, jede hergelaufene Absolventin der Google-Universität hat das Recht auf Wissen. Hauptsache, sie ist überzeugt davon.

Der Irrsinn wird gesellschaftsfähig
Nicht Lügen oder bewusste Faktenfälschungen stellen im Grunde die erkenntnistheoretische Gefahr dar, sondern Unbeirrbarkeit. „Truthiness“ zersetzt den eminenten sozialen Wert der Wahrheit. Denn Wahrheit hat immer auch die Funktion einer vermittelnden Bürginstanz innegehabt, an der wir unsere Überzeugungen eichen und messen. Deshalb konnte man Leute, die unbeirrbar ihre festen Überzeugungen verzapfen, immer mal an den Pranger der Lächerlichkeit, Blödheit oder des Irrsinns stellen. Das ist heute nicht mehr so ohne weiteres möglich. Verschwindet die Bürginstanz oder verliert sie an Bedeutung, verliert auch der Pranger seine Funktion. Und dann kommt es so weit, dass der Irrsinn gesellschaftsfähig wird: dass ein verquaster rechter „Leninist“ mit Namen Steve Bannon zum Berater im Oval Office avanciert; oder ein Paranoiker wie Alex Jones, der auf seiner Website Infowars.com übelste Verschwörungstheorien kolportiert, das geneigte Ohr des Obersten Befehlshabers der amerikanischen Armee findet. Die Realität hat definitiv das Gepräge einer Dürrenmatt-Groteske angenommen. Ja, sie übertrifft sie eigentlich.